Aufsatz 
Haus oder Schule - oder Schule und Haus? Erläutert durch Mitteilungen aus der Bildungsgeschichte Goethes und Schiller's
Entstehung
Einzelbild herunterladen

19

zu gelangen. Die franzöſiſche Revolution fand in ihm keinesweges den Bewunderer, den man in dem Verfaſſer derRäuber erwartet haben ſollte, und er verſchont in denPenien ſelbſt die mit ſei⸗ nem höhnenden Spotte nicht, die ihr in irriger Vorausſetzung edler Zwecke gehuldigt hatten(Klop⸗ ſtock, G. Forſter u. A.).

Eine zweite Folge jener Schultyrannei war die nie ruhende, nie zu unterdrückende Oppoſition, die dadurch hervorgerufen ward, der fortwährende Kampf der Unterdrückten gegen ihre Unterdrücker, der da er von Seiten der Erſteren nicht ſichtbar und mit offenem Entgegentreten unternommen werden konnte, heimlich und verſteckt, durch Täuſchung, Ueberliſtung, Trug und Lüge von ihnen ge⸗ führt wurde, was, wie bereits erwähnt worden, die Lehrer und Aufſeher dazu veranlaßte, ſich glei⸗ cher Waffen zu bedienen und dadurch gleicher Unredlichkeit ſchuldig zu machen. Nur der fortgeſetzte Umgang mit Vater und Mutter hätte dem in einem ſolchen Labyrinthe des Truges und der Falſch⸗ heit umherirrenden Sohne eine rettende Zurechtweiſung geben können; allein auch er war verpönt, oder ſtand, wo er geſtattet wurde, unter beaufſichtigender Kontrole. So alſo von keiner Seite her die Einwirkung der Liebe, der Achtung, des Vertrauens; überall nur mißtrauiſches Entgegentreten, wodurch ſelbſt der freundliche Verkehr der Schüler miteinander, da auch unter ihnen nicht ſelten Verräther waren, gehemmt wurde. Welche Künſte wurden aufgeboten, um heimliche Korreſpondenz einerſeits zu fuͤhren, andrerſeits zu erſpähen.Dein Friedrich, ſchreibt Schiller(Jul. 1773) an den juͤngeren Moſer,iſt nie ſich ſelbſt überlaſſen. Briefe an Freunde zu ſchreiben, ſteht nicht in unſerm Schulreglement. Säheſt Du mich, wie ich neben mir Kirſch's Lexikon liegen habe, und vor mir das Dir beſtimmte Blatt beſchreibe, Du würdeſt auf den erſten Blick den ängſtlichen Briefſteller entdecken, der für dieſes geliebte Blatt einen nie geſehenen Schlupfwinkel in einem gei⸗ ſtesarmen Wörterbuche ſucht. Auf wie verſteckten Schleichwegen ſtahl man ſich, nicht ohne Ge⸗ fahr verrathen zu werden, zur erſehnten Lektüre der laut geprieſenen Meiſterwerke, mit denen die Glanzperiode der neueren deutſchen Dichtkunſt begann! Zum Meſſias, Götz, Werther, Ugolino u. ſ. w. war nur durch Liſt und Verſchlagenheit zu gelangen; die Aufwärter mußten beſtochen, die Inſpektoren getäuſcht und die verbannten Poeten in Waſſerkrügen, Puderbeuteln und Wäſchekörben verſteckt und ſo den Wächtern unſichtbar gemacht werden, deren Späherblicke ſie jedoch mitunter herausfanden, was dann eine empſindliche Ahndung zur Folge hatte.Empörend kommt es mir vor, heißt es in einem andern Briefe Schillers an Moſer,wenn ich da einer Strafe entge⸗ gen gehen ſoll, wo mein inneres Bewußtſein für die Redlichkeit meiner Handlungen ſpricht. Die Lektüre einiger Schriften des Voltaire hat mir ſehr vielen Verdruß verurſacht.Man fand ihn, erzählt Schwab(Schillers Leben)einſt weinend vor ſeiner Bibliothek ſtehen, als ihm ſein Shakeſpeare und andre, nicht in den Studienplan des Inſtituts paſſende Werke von den Aufſehern hinweggenommen worden waren. Hatte ſich ein verbotenes Buch unbemerkt bis in die Taſche eines Akademikers geſchlichen, und verrieth ſich in derſelben nicht etwa durch ſeine Dickleibigkeit; ſo mußten nun neue Künſte der Täuſchung erſonnen werden, um Gelegenheit zum Leſen zu finden. Man bekam Kopfweh, Schwindel, Fieberſchauer u. dgl., durfte nun im weniger beaufſichtigten Kranken⸗ zimmer das Bett hüten, und fuhr, wenn der Aufſeher, oder wohl gar der Herzog ſelbſt, unerwar⸗

tet hereintrat, mit der Contrehande unter die Bettdecke. So ſchrieb Schiller ſeineRäuber, und 3*