Aufsatz 
Haus oder Schule - oder Schule und Haus? Erläutert durch Mitteilungen aus der Bildungsgeschichte Goethes und Schiller's
Entstehung
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ſich mein Geiſt frei erheben kann, wird er ſich in keine Feſſeln ſchmiegen. Dem freien Manne(er

war damals im ſechszehnten Lebensjahre!) iſt ſchon der Anblick der Sklaverei verhaßt, und er ſollte geduldig die Feſſeln tragen, die man ihm ſchmiedet! Sein Unmuth, den freundlicher Verkehr mit

dem Elternhauſe, vornehmlich mit der ſanften Mutter, gemildert haben würde, ſtieg zuletzt bis zum

Lebensüberdruſſe, und ſo ſchrieb er, nachdem er dieſe Feſſeln noch fünf Jahre lang hatte tragen müſſen(1780):Ich bin noch nicht 21 Jahre alt, aber ich darf es frei ſagen: Ich freue mich nicht auf die Welt, und der Tag des Abſchiedes aus der Akademie, der mir vor wenig Jahren ein freu⸗ denvoller Feſttag würde geweſen ſein, wird mir einmal kein frohes Lächeln abgewinnen können. Mit welchem brauſenden, alle Schranken der Natürlichkeit, Mäßigung und Sitte mit ſich fortreißen⸗ den Erguſſe ſchafft dieſer Unmuth ſich Luft in denRäubern, die noch unter dem Joche dieſer Schultyrannei gedichtet wurden! Schiller ſelbſt ſucht vier Jahre ſpäter(1784, in derRheini⸗

ſchen Thalia) dieſe Unnatur und Maßloſigkeit mit dem harten Drucke zu entſchuldigen, der einen ſolchen

Erguß herauspreßte, und wie ſchwer iſt die Anklage, die er dabei gegen ſeine Peiniger erhebt! Neigung für Poeſie, ſagt er,beleidigte die Geſetze des Inſtituts, worin ich erzogen ward, und widerſprach dem Plane ſeines Stifters. Acht Jahre rang mein Enthuſiasmus mit der militairiſchen Regel. Unbekannt mit der wirklichen Welt, von welcher mich eiſerne Stäbe ſchieden; unbekannt mit den Menſchen, denn die vierhundert, die mich umgaben, waren ein einziges Geſchöpf, der ge⸗ treue Abguß eines und deſſelben Modells, von welchem die plaſtiſche Natur ſich feierlich losſagte; unbekannt mit den Neigungen freier, ſich ſelbſt überlaſſener Weſen, denn jede Eigenheit, jede Ausgelaſſenheit der tauſendfach ſpielenden Natur ging in dem regelmäßigen Tempo der herrſchenden

Ordnung verloren; unbekannt mit Menſchen und Menſchenſchickſal mußte mein Pinſel nothwendig

die mittlere Linie zwiſchen Engel und Teuſel verfehlen, mußte er ein Ungeheuer hervorbringen, das zum Glück in der Welt nicht vorhanden war. Welch einen Gegenſtand konnte die verpönteNei⸗ gung für Poeſie, als ſie trotz dermilitairiſchen Regel unaufhaltſam hervorbrach, mit größerem Enthuſiasmus ergreifen, umfaſſen, feiern und verherrlichen, als die Freiheit, die man ihm ſo grauſam und widerrechtlich geraubt. und nach der er ſein ſchönſtes Lebensalter hindurch in verzehren⸗ der Sehnſucht geſchmachtet hatte! Für ſie als Ankläger gegen ihre Unterdrücker aufzutreten, ihre

Rechte vor dem Richterſtuhle der Menſchheit zu vertheidigen, ſchien ihm die Miſſion zu ſein, die

ſeinem Dichtergeiſte anvertraut worden, und er hat demnach ſein ganzes Leben lang und durch alle Phaſen ſeines poetiſchen Glanzes hindurch ſich bemüht, derſelben ein Genüge zu thun. Alle Hel⸗ den ſeiner Dramen ſind Freiheitshelden. Der Eine(Karl Moor) ſucht dieſe Freiheit in der Anarchie, der Andre(Fiesko) in der Republik; ein Dritter(Ferdinand Walter*) in dem Los⸗ ſagen von veralteten, die Rechte der Menſchheit verläugnenden Vorurtheilen und Konvenienzperhält⸗ niſſen; ein Vierter(Poſa) in einem philanthropiſchen Kosmopolitismus, und ſo weiter, bis end⸗ lich der Letzte(Tell) in ihrem Dienſte durch eine kühne That das Signal zur Befreiung eines von unrechtmäßiger Zwingherrſchaft unterdrückten harmloſen Gebirgsvolkes giebt. Nicht jede Na⸗ tur hätte, wie die ſeine, es vermogt, durch einen ſolchen Klärungsprozeß ſich allmälig von dem zi⸗ ſchenden Schaume und den trübenden Hefen der Gährung, in die ſie durch gewaltſames Einſpunden in ein nicht zu zerſprengendes Gefäß gebracht worden, zu befreien, und zu einer ſo hellen Reinheit

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