Aufsatz 
Haus oder Schule - oder Schule und Haus? Erläutert durch Mitteilungen aus der Bildungsgeschichte Goethes und Schiller's
Entstehung
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nichts denken dürften, und deshalb, damit ſich nichts Unerlaubtes der Art einſchleichen könnte, unter der genaueſten Kontrole gehalten, und von jeder Einwirkung, die etwa von außenher, und zwar vornehmlich aus dem Elternhauſe, geübt werden mögte, auf das Strengſte abgeſchloſſen werden müßten. Je umſtändlicher und kleinlicher die Raporte waren, die ihm von den angeſtellten Aufſe⸗ hern über das Alles abgeſtattet wurden, um ſo höher ſtiegen dieſe Leute in ſeiner Gunſt; was war alſo natürlicher, als daß ſie, um Stoff zu dieſen Berichten zu ſammeln, bei Tage und bei Nacht umher ſchlichen, lauſchten, jeden Blick, jede Miene beobachteten, an den Thüren horchten, heimlich die Taſchen viſitirten, wohl gar mit Nachſchlüſſeln die Kaſten und Pulte öffneten, die Dienſt⸗ boten als Spione gebrauchten, und auch das unredlichſte Mittel nicht unbenutzt ließen, wenn ſie da⸗ durch zu irgend einer Kunde gelangen konnten, für die ſich ein gnädiger Blick oder ein beifälliges Wort von ihrem, dadurch überraſchten, Gebieter erwarten ließ. Die beiden Unteraufſeher jeder der vier Abtheilungen bürgerlicher und der drei Abtheilungen adeliger Zöglinge erſtatteten, gleich nach dem Aufſtehen der von ihnen während der Nachtzeit Bewachten und zur vorgeſchriebenen Stunde Geweckten, dem Lieytenant der Abtheilung, der in einem Nebenzimmer ſchlief und ſchon während des Anziehens der ihm Anvertrauten in das Schlafzimmer derſelben trat, ihre Berichte über das am vorigen Tage Beobachtete ab. Dieſer referirte hierüber dem Abtheilungs⸗Hauptmanne, ſobald die mit dem Ankleiden fertig gewordenen Schüler in ihr Wohnzimmer marſchirt waren. Die Haupt⸗ leute raportirten nach dem Marſche in das Speiſezimmer, wo das Frühſtück genoſſen wurde, den dort wartenden beiden Majors, von denen der eine den bürgerlichen, der andre den adeligen Abthei⸗ lungen vorſtand. Von den Majors gelangte der Raport an den Oberſt, als Intendanten der Aka⸗ demie, und von dieſem an den Adjutanten des Herzoges, der ihn ſogleich zu höchſten Händen über⸗ lieferte, aus denen dann ſofort darauf Bezug habende Befehle ergingen. Das Spahen und Aus⸗ horchen ging ſo weit, daß ſelbſt ein Schüler über den andern Charakteriſtiken und Gutachten ein⸗ reichen mußte, bei denen dann wohl nicht ſelten einerſeits Freundſchaft und Vorliebe und andrerſeits Rachſucht und Mißgunſt die Feder geführt haben werden. Ja, ſogar über ſich ſelbſt mußte ein je⸗ der vor dem Alles wiſſen wollenden Gebieter zu Zeiten eine ſchriftliche Beichte ablegen, die gewiß nur ſelten ſo offen und freimüthig geweſen ſein mag, als die welche Schiller abfaßte, der von ſich geſtand,daß er in manchen Stücken noch fehle, daß er eigenſinnig, hitzig, ungeduldig ſei, daß er aber auch ein aufrichtiges, treues, gutes Herz habe. So geſchah auch, nicht nur der ſtrengen Ord⸗ nung und Pünktlichkeit wegen, ſondern vornehmlich um jede heimliche Mittheilung unter den jungen Leuten möglichſt zu erſchweren, Alles, was vorging: Beten und Arbeiten, Eſſen und Trinken, Spazieren⸗ und Schlafengehen auf militairiſches Kommando. Je mehr des ſeelen⸗ und willenloſen Mechanismus, um ſo leichter und ſicherer ſchien das Regieren des lebensluſtigen Völkchens zu ſein.

Das Erſte und Natürlichſte, was aus einem ſolchen Durchſpähen und Einengen hervorging, war ein allgemeiner, tief empfundener Unwille der Zöglinge gegen dieſe Gewaltherrſchaft, ein heim⸗ liches, aber um ſo heftigeres Zähnknirſchen, ein bis zur excentriſchen Schwärmerei geſteigertes Seh⸗ nen nach Erlöſung und Freiheit.Du wähnſt, ſchrieb Schiller(allerdings nur auf verſtecktem Wege) an ſeinen Jugendfreund Moſer, den Sohn jenes würdigen Pfarrers,ich ſoll mich ge⸗ fangen geben dem albernen, obgleich im Sinne der Inſpektoren ehrwürdigen Schlendrian? So lange

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