Aufsatz 
Haus oder Schule - oder Schule und Haus? Erläutert durch Mitteilungen aus der Bildungsgeschichte Goethes und Schiller's
Entstehung
Einzelbild herunterladen

16

erlauben durfte, das abzulehnen, was ihm derſelbe als Gnadenbezeugung darbot. Denn von einer duͤrftigen chirurgiſchen Praxis, die er verheirathet mit einer Bäckerstochter Eliſabeth Dorothea Kodweis zu Marbach betrieben hatte, war er 1757, nach dem Ausbruche des ſiebenjährigen Krieges, zum Militairdienſte übergegangen, als Fähndrich und nebenher auch als Chirurgus bei ei⸗ nem würtembergiſchen Regimente, ſowie ſpäterhin(zum Lieutenant befördert) in dem Städtchen Lorch bis 1768 als Werbeoffizier thätig geweſen, und zuletzt durch beſondere Gunſt des Herzoges mit dem Titel eines Hauptmannes zu dieſer Garteninſpektion berufen worden, die er bis zu ſeinem Tode (1796) verwaltete. Sein ihm zu Marbach am 11. November 1759 geborener Sohn Johann Friedrich hatte dort da den Vater die genannten Dienſtgeſchäfte meiſtens von ſeinem Hauſe ent⸗ fernt hielten den erſten Unterricht von der ſanften, faſt zur Schwärmerei geneigten, aber ver⸗ ſtändigen und frommen Mutter genoſſen, ſpäterhin zu Lorch in dem dortigen Pfarrer Moſer(dem er in denRäubern ein Denkmal geſtiftet) einen trefflichen, väterlich geſinnten Lehrer gefunden, dann aber fünf Jahre lang auf der lateiniſchen Schule zu Ludwigsburg unter der eiſerhen Herr⸗ ſchaft des pedantiſchen Rektors Jahn geſtanden, die ihm zwiefach drückend geworden war, als ſeine auf der Solitude wohnenden Eltern ihn dieſem harten Zuchtmeiſter auch zur häuslichen Erzie⸗ hung übergeben hatten. Die Kloſterſchule, in welche er nun übergehen ſollte, um ſich in derſelben vier Jahre lang für das Studium der Theologie, dem er ſich nach Moſers Vorbilde zu widmen wünſchte, vorzubereiten, erſchien ihm, ohngeachtet der mönchiſchen Lebensweiſe, zu der ſie ihre Zög⸗ linge verpflichtete, immer noch eine größere Freiheit und Milde zu verſprechen, als er ſie im Hauſe des mürriſchen und jähzornigen Rektors genoſſen hatte. Da traf ihn dann die Nachricht, daß er in die Militair⸗Akademie eintreten und dabei zugleich nicht nur das erwählte Studium, für welches in dieſer Anſtalt keine Vorbereitung gegeben wurde, mit dem der Rechtsgelahrtheit(von der er ſpä⸗ terhin zur Arzneikunde überging) vertauſchen, ſondern auch(wie es in dem darüber auszuſtellenden Reverſe hieß)ſich gänzlich dem Dienſte des Herzogl. Würtembergiſchen Hauſes widmen müſſe, als ein ſehr harter Schlag. Denn die Akademie befand ſich damals noch(da ſie erſt 1774 nach Stuttgart verlegt wurde) auf der Solitude, und ſo war ihm der drückende Zwang, den ſie ihren Schülern auflegte, aus den Erzählungen ſeiner Eltern und Geſchwiſter genugſam bekannt, und auch dieſe beklagten ſein Schickſal, ohne es ändern zu können; ja, der Vater mußte mit betrübtem Herzen ſo⸗ gar ein Dankſchreiben an ſeinen Gebieter erlaſſen, worin erkaum Worte zu finden wußte, mit denen er ſeine höchſte Dankbarkeit und Ehrfurcht gegen Seine Herzogliche Durchlaucht nur einiger⸗ maßen ausdrücken könnte.

Faſt alle Fehler, die bei der ſittlichen Erziehung eines Menſchen gemacht werden, gehen vor⸗ nehmlich aus dem Umſtande hervor, daß man das rechte Maß der Freiheit, die dem Zöglinge von ſeinen Beaufſichtigern gelaſſen werden muß, nicht herauszufinden weiß, und alſo dabei entweder zu viel oder zu wenig thut. Fand dieſes Zuviel damals in ſo verderblicher Weiſe auf den ſogenann⸗ ten Philanthropinen Statt; ſo ging die Militair⸗Akademie auf der andern Seite bis an die än⸗ ßerſte Grenze des Zuwenig. Der Herzog ſah die Zöglinge, für die er wirklich, d. h. in ſeiner Art, eine väterliche Zuneigung hegte, überall nur als ſeine Geſchöpfe an, die ohne ſein Wiſſen und Genehmigen nichts thun, nichts genießen, nichts reden, nichts leſen, ja ſo viel als möglich, auch!