Aufsatz 
Haus oder Schule - oder Schule und Haus? Erläutert durch Mitteilungen aus der Bildungsgeschichte Goethes und Schiller's
Entstehung
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wohllautenden Franzoͤſiſchreden von großem Nutzen ſei. An einen ergötzlichen Verkehr dieſer Art gewöhnt, ſetzte der zum Jüngling heranwachſende Knabe ihn auch in wieder ruhig gewordenen Zei⸗ ten fort, und gerieth dadurch in eine Geſellſchaft von jungen Leuten, die ſich durch betrügeriſche Künſte, von denen er freilich nichts wußte, die Mittel zum muntern Lebensgenuſſe verſchafften, und zuletzt der richterlichen Unterſuchung anheim ſielen, der er ſelbſt, als Enkel des Schultheiß, nur durch ſtille Beſeitigung der unangenehmen Sache entgehen konnte. 3 2

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War Göthes Erziehung und Ausbildung darum in vieler Hinſicht ſo bedenklich und in ihren Wirkungen ſo unlaͤugbar nachtheilig, weil ſie ihm, mit gänzlichem Ausſchluſſe der Schule nur im Elternhauſe zu Theil ward; ſo wurde es die ſeines Freundes Schiller gerade aus dem entge⸗ gengeſetzten Grunde: der gänzlichen Entfernung aus dem väterlichen Hauſe nämlich und der aus⸗ ſchließlichen Beſchränkung auf die Wirkſamkeit der Schule. Zwar verlebte derſelbe nur ſein Jüng⸗ lingsalter vom 14ten bis zum 2tſten Jahre(1773 bis 80) in einer ſolchen Beſchränkung; allein gerade dieſes Alter iſt die Zeit der eigentlichen Vorbildung für das Leben, wo erſt mit Sicher⸗ heit uber vorhandenes Talent und über geiſtige und ſittliche Richtung entſchieden werden kann, und wo Erziehung, Unterricht, Umgebungen und Erfahrungen den bis dahin nur noch in ſchwachen und ſchwankenden Umriſſen bemerkbar werdenden Charakter erſt zu beſtimmteren Formen und Geſtaltun⸗ gen ausbilden. Die weiche, fuͤr jeden Eindruck faſt ohne Widerſtand empfängliche Maſſe beginnt dann feſter und härter zu werden, und iſt nicht mehr mit ſo leichter Hand zu formen und zu boſ⸗ ſiren, als ſie es früher geweſen. Das Abſchleifen der Ecken und Auswüchſe, das Dehnen, Preſ⸗ ſen und Reguliren, um die korrekte Form hervorzubringen, wird immer ſchwieriger, und ſo kommt dann immer mehr darauf an, von welcher Beſchaffenheit einerſeits die Kräſte ſind, welche hier planmäßig einwirken ſollen, und andrerſeits diejenigen, welche, obwohl unberufen und möglichſt fern gehalten, doch überall eindringend und nicht abzuwehren, eine in der Regel noch größere Ein⸗ wirkung üben. Schiller verlebte dieſe entſcheidenden Jahre in der Stuttgarter Militair⸗Akade⸗ mie, einer Erziehungs⸗ und Unterrichtsanſtalt, welche der despotiſche Herzog von Würtemberg Karl Engen 1770, anfangs nur für 14 Soldatenſöhne, die hier den gewöhnlichen Elementarunterricht ge⸗ noſſen, unter dem NamenMilitairiſches Waiſenhaus geſtiftet; ſie ſchon 1771 zu einerMilitairi⸗ ſchen Pflanzſchule erweitert, und bei nochmaliger Umgeſtaltung(1773), bei welcher ſieMilitair⸗ Akademie genannt wurde, auch Schiller, als Freiſchüler, in dieſelbe anfgenommen hatte. Erſt nach deſſen Abgange, als ſie von Joſeph II. zum Range einer Univerſität erhoben worden, erhielt ſte 1782 den Namen derKarlsſchule, weshalb denn die Benennung Karlsſchüler auf den großen Dichter angewendet einen Anachronismus enthält. Dieſe Aufnahme, die für Vater und Sohn zur Wohlthat werden ſollte, wurde von Beiden als ein hartes Schickſal angeſehen, das jedoch nicht ab⸗ zuwenden war, da der Erſtere Johann Caspar Schiller als Inſpektor der Gärten und Pflanzungen bei dem Luſtſchloſſe Solitude(nahe bei Stuttgart) von des Herzoges Launen ſo gänz⸗ lich abhing, ihm aber andrerſeits auch ſo unläugbar zum Danke verpflichtet war, daß er es ſich nicht