Aufsatz 
Haus oder Schule - oder Schule und Haus? Erläutert durch Mitteilungen aus der Bildungsgeschichte Goethes und Schiller's
Entstehung
Einzelbild herunterladen

- 14

Frau von Stein ſich gefallen ließ, weil er es ſich dabei bequem machen, den eigenen Willen frei behalten und nur ſo viel von jener Leitung annehmen durfte, als mit dieſer Willensfreiheit zu vereinigen war. Es fehlte und hier hätte ein geregelter Schulbeſuch aushelfen können die kräftigere männliche Einwirkung, die, bei überwiegender Autorität, Willen gegen Willen ſetzt, und keine beliebige und launenhafte Folgſamkeit geſtattet, ſondern eine unbedingte, ſich nie verſagende fordert. An eine ſolche aber war der Knabe nicht gewöhnt und mogte ſich auch daran nicht ge⸗ wöhnen; wobei auch noch der Umſtand mitwirkte, daß die leicht zu beſtechende Gunſt der Frauen, die ihn leiteten, ſeinem früh erwachten Selbſtgefühle ſchmeichelte, dem keine Schulcenſur den ſcho⸗ nungsloſen Spiegel beſchämend vorhielt. Mit Wohlgefallen hörte die Mutter, als ſie einſt ſein gravitätiſches Einherſchreiten unter andern Knaben bemerkt hatte, von ihm die Aeußerung:Mit dieſem mache ich den Anfang, und ſpäter werde ich mich mit noch mancherlei auszeichnen. Als Enkel der erſten Magiſtratsperſon ſeiner Vaterſtadt, als Sohn eines kaiſerlichen Rathes fühlte er ſich über ſeine jugendlichen Umgebungen nicht wenig erhaben, und nahm es ſehr übel auf, als Einer aus dieſem Kreiſe ihn einſt an ſeinen andern Großvater, den Schneidermeiſter und Gaſtwirth, nicht ohne Bitterkeit erinnerte. Im täglichen Leben unter Schülern, wo auch der Primus doch nur primus inter pares iſt, wäre dieſem Dünkel wohl wenig Nahrung gegeben, und jene Neigung zum Ariſtokratismus, die man ihm ſo oft zum Vorwurfe gemacht hat, vielleicht gänzlich unterdrückt wor⸗ den. Von bemerkbarem Einfluſſe hat ſich übrigens das bei ſeiner Erziehung vorwaltende Ueber⸗ gewicht des weiblichen Umganges und Mitwirkens auch bei ſeinen dichteriſchen Leiſtungen gezeigt, in denen, wie es ſeine Beurtheiler wiederholendlich bemerkt haben, die Darſtellung der weiblichen Charaktere überall um Vieles gelungener erſcheint, als die der männlichen. Nach Scholls Mei⸗ nung gehtGötz nicht, wie die, zur Hauptperſon gewordene, Adelheid, an Charakterfeſtigkeit, ſondern an Charakter loſigkeit unter, an welcher auchEgmont ſtirbt, deſſen Rolle, die er un⸗ männlich verſäumte,wie zum Hohne(bei dem Aufrufen des Volkes) von Klärchen werden mußte. Aehnliches hat man vonTaſſo und von derIphigenia geſagt.

Dieſer Mangel an männlicher Einwirkung auf Göthes Ecziehung zeigte ſeine verderblichen Folgen vornehmlich in der unruhvollen Zeit des ſiebenjährigen Krieges, wo ſein Vater, durch die franzöſiſche Einquartierung geärgert, und durch ſeine politiſchen Anſichten in unangenehme Konflikte gebracht, weder Zeit noch Luſt dazu hatte, dieſe Erziehung zu leiten, und doch die Hülfe, welche ihm eine gute Schule dabei hätte leiſten können, verſchmähte. Müßig und ſchauluſtig, von dem Va⸗ ter unbeachtet, von der Mutter nicht gehindert, ſchwärmte der Knabe in der von den Franzoſen mit einem ganz neuen Leben erfüllten, Stadt umher, und von dem gutmüthigen Großvater Textor mit dem Freibillete verſehen, welches dieſer in ſeiner Amtswürde zum Beſuche des franzöſiſchen Theaters erhalten hatte, ſah er Dinge und machte er Bekanntſchaften, die für die ſittliche Ausbildung der Ju⸗ gend wohl wenig geeignet waren; wurde(damals 10 Jahr alt) durch einen zur Schanſpielertruppe gehörenden Knaben(Derones), den er im Parterre kennen lernte, hinter die Kouliſſen und in die Garderoben geführt, wo ſich, wie er ſelbſt erzählt, Niemand ſeinemwegen irgend einen Zwang auf⸗ legte; und wenn der übelgelaunte Vater, mehr zufällig als abſichtlich, mitunter Notzz davon nahm, fand ihn die Mutter mit der Bemerkung ab, daß dieſer Umgang für die Uebung im geläufigen und