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ſchriebenen„Werther“ manche dunkle Lebensanſchauung finden wollen, die wohl mehr aus ihrer, als aus des Bruders Seele hervorgegangen ſein mögte.
Daß dieſes Hand in Hand gehen mit Mutter und Schweſter ihm auch in andern weiblichen Umgang führen mußte, konnte wohl nicht ausbleiben, und es gehörte dazu vornehmlich der mit dem (26 Jahre ältern) Fräulein Suſanna Katharina von Klet tenberg, Tochter eines Frankfurter Arztes und Rathsverwandten, die, nachdem ſie mit dem dortigen Patrizier von Ohlenſchlager ver⸗ lobt geweſen und aus dieſem Verhältniſſe wieder zurückgetreten war, bei ſehr ſchwachem Geſund⸗ heitszuſtande und ausreichendem Vermögen in zurückgezogener Stille, jedoch in traulichem Umgange mit ihren Freundinnen lebte, zu denen auch Göthes Mutter gehörte. Sie hatte bei großer Herz⸗ lichkeit, heiterer Gemüthsruhe und theilnehmendem Wohlwollen etwas ungemein Anziehendes, vor⸗ nehmlich da dieſe Annehmlichkeiten ihres Weſens aus der reinſten Frömmigkeit hervorgingen, die ihre Nahrung und Befriedigung, nachdem ſie dieſelbe in dem religiöſen Leben der Herrnhuter ver⸗ gebeus geſucht hatte, in erbaulicher Lektüre, ſtillen Betrachtungen und vor Allem in den überall auf Gott und den Heiland zurückgeführten Beobachtungen fand, die ſie an ihrem eigenen und an jedem andern von ihr gekannten Seelenleben zu machen bemüht war. Auch„ihre Krankheit(an der ſie im Jahre 1774 ſtarb),“ ſagt Göthe,„betrachtete ſie als einen nothwendigen Beſtandtheil ihres vorübergehenden irdiſchen Seyns. Sie litt mit der größten Geduld, und in ſchmerzloſen Inter⸗ vallen war ſie lebhaft und geſprächig.“„Vor ihr entwirrte ſich gar leicht, was uns andre Erden⸗ kinder verwirrte, und ſie wußte den rechten Weg gewöhnlich anzudeuten, eben weil ſie in das Labyrinth von oben herabſah, und nicht ſelbſt darin befangen war.“„Von vielfachen Zerſtreuungen kehrte ich immer wieder zu ihr zurück.— Sie vernahm die Erzählungen meiner Ausflüge mit Wohlwollen, ſo wie Dasjenige, was ich ihr vorlas. Sie blieb immer freundlich und ſanft, und ſchien meiner und meines Heiles wegen nicht in der mindeſten Sorge zu ſein. Ich muß jedoch bemerken, daß ſie mich für einen Chriſten nicht wollte gelten laſſen.“„Meine Unruhe, meine Ungeduld, mein Streben, mein Suchen, Forſchen, Sinnen und Schwanken legte ſie auf ihre Weiſe aus und ver⸗ hehlte mir ihre Ueberzeugung nicht, ſondern verſicherte mir unumwunden, das alles komme daher, weil ich keinen verſöhnten Gott habe.“ Demohngeachtet dichtete er, von ihr dazu angeregt, geiſtliche Oden, die aber nach der einzigen Probe, welche ſich(und zwar in einer 1766 erſchienenen Frank⸗ furter Zeitſchrift) davon vorfindet, und die Ueberſchrift„Gedanken uͤber die Höllenfahrt Chriſti“ führt, mehr nur ganz objectiv gehaltene Erercitien, als Ergüſſe eigener Empfindung waren, und wovon er ſelbſt(nach 60 Jahren) geſtand:„Es fehlte mir damals an Stoff, und ich war glück. lich, wenn ich nur etwas hatte, das ich beſingen konnte.“ Doch gedachte er dieſer mütterlichen Freundin bis in ſein ſpäteſtes Alter mit hoher Achtung, und hat ihr in den„Bekenntniſſen einer ſchöoͤnen Seele“, die er 11 Jahre nach ihrem Tode aus ihrer Seele ſchrieb und ſpäter dem „Wilhelm Meiſter“ einſchaltete, ein vortreffliches Denkmal geſtiftet. Der Einfluß, den ſie auf ſeine religiöſen Anſichten und Empfindungen gewann, blieb jedoch ein nur geringer, wie Göthe denn überhaupt die ihm, bei ſeinem Fernhalten von der Schule, faſt allein nur von Frauen zu Theil ge⸗ wordene Leitung nur darum lieb gewann, und ſie deshalb auch ſpäterhin als Student in Leipzig von der Hofräthin Böhme(Gattin eines ſeiner Lehrer), ſo wie in Weimar Jahre lang von der


