Aufsatz 
Haus oder Schule - oder Schule und Haus? Erläutert durch Mitteilungen aus der Bildungsgeschichte Goethes und Schiller's
Entstehung
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die er bei den großartigen politiſchen Ereigniſſen ſeiner Zeit erkennen ließ, und die ihm ſo oft, als Mangel an Gemeinſinn und Vaterlandsliebe, zum Vorwurfe gemacht worden iſt. Die franzöſiſche Revolution, mit dem Unheile, welches ſie über Deutſchland brachte, hat ihn weder in ihren viel⸗ verſprechenden Anfängen, gleich Klopſtock, Campe u. A., begeiſtert, noch, wie es bei ſo Vielen ge⸗ ſchah, zu ſtürmiſchen Ausbrüchen des Zornes entflammt. Die Befreiungskriege hat er in keinen Pindariſchen Oden und enthuſiaſtiſchen Schlachtliedern beſungen; die allgemeine Aufregung, die ſie veranlaßten, wurde für ihn(den Greis, muß man freilich ſagen) zu beunruhigend und zu unbequem. War er, dieſer Störungen alter Ordnung und Gewöhnung, dieſer erſchütternden Gewaltthätigkeiten wegen, doch ſelbſt der Reformation nicht hold, und nannte ſie(in einem Briefe an Knebel)ei⸗ nen verworrenen Handel, wie er uns noch täglich zur Laſt fällt, und in dem, nichts intereſſant iſt, als Luthers Charakter.Er hat nie, ſagt Gervinus, da, wo er von Göthes Fernhal⸗ ten von der Schule ſpricht,das Beſtreben der Maſſen achten lernen, in denen wir uns nur be⸗ haglich fühlen, wenn wir von früh auf an ihre Gemeinſchaft gewohnt waren. Auch die Nei⸗ gung zum Aberglauben, von welcher Göthes Mutter, ohngeachtet ihres ſo geſunden Verſtandes, nicht frei war, und die ſie von ihrem Vater angenommen hatte, der ſeine mehrmaligen Amtserhe⸗ bungen vorhergeſagt haben ſoll, ging auf den Sohn über, der an gute und böſe Omina glaubte, und ſich dadurch bei ſeinen Reiſeplänen und anderweitigen Unternehmungen beſtimmen ließ. Ob ſie wohl bei einem acht⸗ bis zehnjährigen Leben in einer Schule, wo jede Aeußerung ſonderbarer An⸗ ſichten und Meinungen von einer Menge junger, unbefangener und ſchonungsloſer Kritiker verlacht und verſpottet wird, mit ihm aufgewachſen wäre?.

Von fünf nach ihm geborenen Geſchwiſtern ſtarben vier in ihrer erſten Kindheit, und nur eine Schweſter Kornelie Friederike Chriſtiane(15 Monate jünger als er) war ihm als Mitgenoſ⸗ ſin ſeines, auf das Elternhaus beſchränkten früheſten Jugendlebens, geblieben. Sie war unſchön, nahm durch ihre äußere Erſcheinung nicht für ſich ein, fühlte das, und kämpfte fortwährend mit dem Schmerze, den es ihr verurſachte. Ohnehin war mehr von des Vaters verſchloſſenem Ernſte, als von der Mutter lebensfroher Offenheit auf ſie übergegangen.Die Züge ihres Geſichts, ſagt Göthe, ſprachen von einem Weſen, das weder mit ſich einig war, noch werden konnte. Eine Neigung, die ſie für einen jungen Engländer und ſpäter für einen Andern fühlte, ohne daß dieſelbe zu einer nähern Verbindung führte, verſtimmte ihr getrübtes Gemüth noch mehr. Nur um ſich der despoti⸗ ſchen Herrſchaft des Vaters, der ſie nicht, wie ſpäter der Bruder, durch, von der Mutter begünſtig⸗ tes Herumflattern außerhalb des Hauſes wenigſtens für einige Stunden entfliehen konnte, für im⸗ mer zu entziehen, heirathete ſie den als Amtmann zu Emmendingen angeſtellten Johann Georg Schloſſer(1773), fühlte ſich jedoch in dieſer Ehe nicht glücklich und ſtarb 1777, von dem Leben nicht befriedigt und deſſelben überdrüßig. So lange ſie mit dem Bruder im elterlichen Hauſe lebte. war ſie ſeine innigſte und vertrauteſte Freundin, die er bis in die Tiefe ſeiner Seele blicken ließ, und deren klugen und beſonnenen Rath er zu ehren und zu benutzen wußte. Daß aber nicht auch ihre trübe Gemüthsſtimmung bei ſo vertrautem Umgange auf ihn eingewirkt haben ſollte, iſt kaum anzunehmen, und man hat auch wirklich in dem(gleich demGötz) faſt unter ihren Augen ge⸗