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ſagt hatte, äußerte ſie ſich gegen ihre Freundinnen:„Ich hab halt Alles wohl gemerkt, habt Ihr gleich nichts davon geſagt und ſagen wollen, wie es mit dem Wolſgang ſo ſchlecht geſtanden hat. Jetzt aber mögt Ihr ſprechen, jetzt geht es beſſer. Gott und ſeine gute Natur haben ihm gehol⸗ fen. Jetzt kann wieder von dem Wolfgang die Rede ſein, ohne daß es mir, wenn ſein Name ge⸗ nannt wird, einen Stich ins Herz giebt.“ So gewöhnte ſich denn auch ihr Zögling ſchon ſrühe daran, Alles, was ihm zuwider war, was ſeine ſelbſtgefällige Ruhe ſtörte, ſeinem Eigenwillen hem⸗ mend entgegentrat, unter dem Schutze der Mutter, von ſich abzuwehren, ohne ſich— wenn nicht die äußerſte Noth(wovon bereits ein Beiſpiel erzählt worden iſt) es erforderte— in einen Kampf damit einzulaſſen, oder ſich nachgebend darin zu fügen. Vornehmlich war dies der Fall in Betreff ſeines(in der Schule nicht zu vermeiden geweſenen) Umganges mit andern Knaben.„Er ſpielte,“ erzählt die Mutter„nicht gern mit kleinern Kindern, ſie mußten dann ſehr ſchön ſein. In einer Geſellſchaft fing er(damals drei Jahr alt) plötzlich an zu weinen und ſchrie: Das ſchwarze Kind ſoll hinaus! Das kann ich nicht leiden! Er hörte auch nicht auf mit Weinen, bis er nach Hauſe kam.“ Die größern, mitunter ſpöttelnden Knaben, welchen er die Darſtellungen auf ſeinem Pup⸗ pentheater mit anzuſehen erlaubte, wurden eutfernt, und er begnügte ſich mit einem jüngern Publi⸗ kum, das ſich„allenfalls durch Ammen und Mägde in Ordnung halten ließ.“ Und auch als ſtatt der Puppen er ſelbſt mit andern lebenden Perſonen auftreten wollte, und dieſe im Kreiſe ſeiner Al⸗ tersgenoſſen zuſammenfand, nahm die Sache ſehr bald auf ähnliche Weiſe ein verdrießliches Ende. So waren denn auch die bereits erwähnten unangenehmen Berührungen, in welche er bei ſeinem kurzen Schulbeſuche gerieth, wohl nur für den Verwöhnten ſo abſchreckend und unerträglich. Auch ihm mußte ſpäterhin, gleich der Mutter, Alles, was ihn erſchrecken und beunruhigen konnte, ſo lange als möglich verborgen bleiben. Darum wollte ſich auch Niemand dazu verſtehen, ihm die Nachricht von dem Tode Schillers mitzutheilen; er errieth aus den ſchmerzvollen Mienen ſeiner Umgebun⸗ gen, was geſchehen war, und ſprach darüber erſt dann, als er den erſten, erſchütternden Eindruck überwältigt hatte. Gleiches Stillſchweigen mußte man gegen ihn über den Tod des ihm ſehr werth gewordenen Königes Mar Joſeph von Baiern beobachten, und auf die nicht zurückzuhaltende und ihn daher überraſchende Kunde von dem Hinſcheiden ſeines vieljährigen Herrn und Freundes, des Groß⸗ herzoges Karl Auguſt, antwortete er heftig auffahrend:„das iſt grob!“ und ging raſch zu einem andern Gegenſtande des Geſpräches über, um allmälig die verlorene Faſſung wiederzugewinnen. Schon das Wort Tod war ihm unangenehm; er umging es gern durch den Gebrauch einer Me⸗ tapher, und wer ihn ſchouen wollte, that gegen ihn ein Gleiches. Was aber des Unangenehmen, ohne ſich abweiſen zu laſſen, ihm, aller Vorſicht ungeachtet, in das Leben und in die Seele drang, das ſuchte er— gleich der Mutter, die dergleichen ſchmerzliche Erfahrungen, als Spuk der Zaube⸗ rer, Zwerge und Kobolde, in ihre Märchen verwebte, zu einer poetiſchen Geſtaltung zu verarbeiten und mit derſelben„von ſeinem Innern abzulöſen.“„Alles, was ihn gedrückt hat,“ ſagte Frau Göthe,„daraus hat er ein Gedicht gemacht.“ Zu dieſen dichteriſchen„Ablöſungen“ gehören ſeine erſten Luſtſpiele, gehört vor Allem Werther und faſt jedes ſeiner lyriſchen Gedichte.— Aus dieſem, durch ſeine Erziehung veranlaßten, Fernhalten von allem Unruhigen, Geräuſchvollen, Tumultuariſchen hat man ſich denn auch die(wenigſtens anſcheinende) Gleichgültigkeit und Theilnahmloſigkeit erklärt, 2*


