Aufsatz 
Haus oder Schule - oder Schule und Haus? Erläutert durch Mitteilungen aus der Bildungsgeschichte Goethes und Schiller's
Entstehung
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173t, war die Tochter der damaligen erſten Magiſtratsperſon in Frankfurt, des Schultheiß Jo⸗ hann Wolfgang Textor(geb. 1693, geſt. 1771). Im achtzehnten Lebensjahre hatte ſie den ſchon acht und dreißigjährigen wohlhabenden Mann, der guten Verſorgung wegen und, wie ſich wohl denken läßt, ohne beſondre Zuneigung geheirathet, und im neunzehnten ihren, nach dem Großvater genannten Sohn(am 28. Auguſt 1749) geboren. Die, wenn auch nicht ſchulgerechte, doch viel⸗ ſeitige Bildung, welche ſie beſaß, und wodurch ſie zum mündlichen und ſchriftlichen Verkehre mit Fürſten und Fürſtinnen und mit den geiſtreichſten Männern ihrer Zeit befähigt wurde, war ihr nicht von Hauſe aus mitgegeben worden, ſie hatte ſich dieſelbe meiſtens erſt in ihrer Ehe durch Umgang, Lektüre, zum Theil auch durch den Unterricht, den ſie, wie ſchon erwähnt, von ihrem Gatten erhielt, erwerben müſſen. Bei dem ſehr lebhaften Geiſte, der ſie bis in ihr hohes Alter beſeelte(ſie ſtarb

J. 1808), bei der überaus regſamen, poetiſch ſchwärmenden Phantaſie, die, mit einer innigen Gemüthlichkeit verbunden, Jeden, der ſie kennen lernte, für ſie einnahm, bei drolligem Witze, immer jugendlich bleibender Munterkeit und ſtets heiterer Auffaſſung aller Lebensverhältniſſe und Schiickſale, war ſie ganz dazu geeignet, ein lebensfrohes Kind zu ſich heranzuziehen, es zu lenken, zu beſchäfti⸗ gen und zu erfrenen.Ich und mein Wolfgang, ſagte ſie zu Bettina von Arnim,haben uns halt immer verträglich zuſammengehalten; das macht, weil wir Beide jung und nicht gar ſo weit, als der Wolfgang und ſein Vater, aus einander geweſen ſind. Sie wußte durch lebendige Er⸗ zählung unterhaltender Märchen, die ſie ſelbſt, und zwar dem vorliegenden pädagogiſchen Bedürfniſſe angemeſſen, erſann, die Aufmerkſamkeit des Knaben zu feſſeln, ſeine Phantaſie zu beleben und ſein Nachdenken zu üben, indem ſie, gleich der Sheherezade, da abbrach, wo die Erwartung auf das Höchſte geſpannt war, es ihm dann überließ, den weiteren Fortgang zu errathen, und wenn er ſeine Ge⸗ danken darüber der im elterlichen Hauſe wohnenden Großmutter mitgetheilk hatte, dieſelben zu ſeiner Ueberraſchung im weiteren Verfolge der Erzählung benutzte. In dieſe Erzählung webte ſie mit dichteriſchem Talente das, was dem kleinen Zuhörer in der Natur und im Leben bereits erſchienen war, und was nun in dem phantaſtiſchen Farbenſchimmer, womit ſie es zu umgeben verſtand, ein erhöhetes Intereſſe für ihn gewann, und wohl ſicher den Grund zu der poetiſchen Lebensanſchauung legte, die das Charakteriſtiſche, ihm ſo viele Bewunderer Gewinnende ſeiner ganzen Dichtungsweiſe geworden iſt. So iſt es aber unläugbar auch von ihr ausgegangen, daß dieſe Lebensanſchauung ſich ſo viel als möglich und faſt ängſtlich von Allem fern hielt, was von irgendwo eine ſtarke Bewegung, lebhafte Unruhe, heftige Erſchütterung und ſchauerliche Verdunkelung in die vor⸗ kommenden Erſcheinungen bringen konnte, und daß ſie überall nach einem gewiſſen(in der Schule nicht anzugewöhnenden) Quietismus ſtrebte, der jeder ſchmerzlichen Berührung ſorgſam und ſich ſelbſt täuſchend auswich. Frau Göthe pflegte bei dem Miethen neuer Dienſtboten denſelben anzubefeh⸗ len:Ihr ſollt mir nichts wiedererzählen, was irgend Schreckhaftes, Verdrießliches und Beunruhi⸗ gendes, ſei es nun in meinem Hauſe, oder in der Stadt, oder in der Nachbarſchaft vorfällt. Ich mag ein für alle Male nichts davon wiſſen. Geht's mich nah an, ſo erfahre ichs noch immer zeitig genug. Gehts mich gar nicht an, ſo bekümmerts mich überhaupt nicht! Sogar wenn es in der Straße brennte, wo ich wohne, ſo will ichs auch da nicht früher wiſſen, als ichs eben wiſſen muß. Nach des Sohnes lebensgefährlicher Krankheit im Jahre 1805, von der ihr Niemand etwas ge⸗