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ſauer werden läßt, den Schiller z. B. bei den Vorarbeiten zu ſeinen Dramen und großen hiſtori⸗ ſchen Kompoſitionen bewährte“(Viehoff). Wie viele ernſte Studien und Quellenforſchungen gingen der Bearbeitung des„Wallenſtein“ vorher! Der des„Egmont“ wohl nur die Lektüre des (allerdings meiſterhaft geſchriebenen) Buches de bello Belgico von dem Jeſuiten Strada und viel⸗ leicht noch ein gelegentlicher Einblick in Meterens Niederländiſche Geſchichte.„Göthe ſpricht,“ ſagt Düntz er(„Göthes Götz und Egmont“),„von ſeinem ſorgfältigen Studium einzelner Theile der Weltgeſchichte, von ſeiner fleißigen Erforſchung der Quellen der Geſchichte vom Aufſtande der Niederlande. Beides möchten wir bezweifeln.“ Und nicht nur den Fleiß der hiſtoriſchen Forſchung, ſondern auch den Sinn für geſchichtliche Auffaſſung und Anſchauung hat man ihm abgeſprochen, und auch dieſen Mangel zum Theil aus der Abgeſchloſſenheit und Zurückgezogenheit ſeiner Bildungs⸗ ſphäre hergeleitet. Es ſei ihm, meint Gervinus, dadurch, daß ſein Vater ihn der Schule ent⸗ fremdete und im Hauſe erzog,„der epiſche Jugendlauf entgangen,“ und„Geſchichte(und Epos) habe ihn daher nie in bedeutendem Grade gefeſſelt, weil das Intereſſe daran nur in einem äußerlich bewegten Leben wurzelt.“ Auch Hillebrand iſt der Meinung, daß Göthe für die„Weltgeſchichte keinen rechten Sinn hatte, auch kein hiſtoriſches Drama in Shakeſpeariſcher Weiſe und Haltung ſchreiben konnte.“„Es war ihm,“ bemerkte er,„nicht gegeben, die Wucht bedeutender Geſchichts⸗ ereigniſſe zu ertragen, und den Geiſt derſelben in ſeinem objektiven Walten und Bilden feſtzuhalten oder zu bewältigen;“— ein Urtheil, welches Göthes enthuſiaſtiſcher, Alles an ihm bewundern⸗ der Lobredner Roſenkranz(„Göthe und ſeine Werke“) mit der wegwerfenden Aeußerung:„ Es hat einigen deutſchen Profeſſoren gefallen, Göthe den Sinn für die Geſchichte abzuſprechen, aber einen Götz, einen Egmont ohne hiſtoriſchen Sinn zu dichten, iſt unmöglich“ abfertigen zu können glaubt. „Doch es iſt nicht die Gründlichkeit und der Umfang des Wiſſens, nicht der Sinn für dieſen oder jenen Gegenſtand deſſelben allein, was dabei in Betracht kommt, wenn die Frage beant⸗ wortet werden ſoll, welchen Einfluß Göthes Zurückhaltung von der Schule und ſeine an die Stelle derſelben geſetzte häusliche Ausbildung auf das, was er geworden iſt, gehabt hat. Denn die Schule wirkt auf die Bildung ihres Zöglinges ja nicht nur durch den Unterricht, den ſie ihm ertheilt, ſondern auch— und mitunter faſt noch mehr— durch den ſo verſchiedenartigen Umgang, in den ſie ihn führt, durch die mannigfaltigen Berührungen, Reibungen und Konflikte, die bei dem Leben in ihr nicht zu vermeiden ſind. Iſt nun aber gerade dieſe Verſchiedenartigkeit und Mannig⸗ faltigkeit des Verkehres für die Charakterbildung, von der Göthe ja ſelbſt bemerkt, daß ſie nur „im Geräuſch der Welt“ gebeihen könne, von bedeutendem Einfluſſe; ſo muß das Fehlen derſelben und die Beſchränkung des Umganges auf das, was das Leben im Elternhauſe davon zu gewähren vermag, von bemerkbaren Folgen ſein. Einzelne Perſönlichkeiten werden in dem kleineren Kreiſe dieſes Umganges eine um Vieles tiefere und entſchiedenere Einwirkung üben, als es in jenem größern, zugleich auch die Schule umfaſſenden Kreiſe geſchehen wäre. Zunächſt wird der Vater oder die Mutter— ſelten der eine und der andre Theil in gleichem Maße— dieſen Einfluß gewinnen;
— bei Göͤthe war es, wie ſich ſchon aus dem, was von der Natur und Sitte des Vaters ge⸗
ſagt worden iſt, vermuthen läßt, die Mutter. Frau Katharina Eliſabeth Göthe, geboren 2
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