Aufsatz 
Haus oder Schule - oder Schule und Haus? Erläutert durch Mitteilungen aus der Bildungsgeschichte Goethes und Schiller's
Entstehung
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8.

lichſte zur Wehre ſetzen und erklären mußte, daß erkünftig bei der geringſten Beleidigung Einem oder dem Andern die Augen auskratzen, die Ohren abreißen, wo nicht gar ihn erdroſſeln würde. Daß aber auch der gewünſchte Wetteifer dabei nicht ausblieb, zeigt ſich an einer, in dem Frankfur⸗ ter Hefte enthaltenen, Reihefolge von kalligraphiſchen Exercitien, welche nach dem Provinzialismus Stechen, d. h. um den Preis kämpfen,Stechſchriften genannt werden, und in deren Anferti⸗ gung dieſe gemeinſchaftlich Unterrichteten miteinander certirten. Zu Kampfrichtern wurden Haus⸗ freunde gewählt, welche den Werth des Probeblattes durch eine Nummer bezeichneten. So bemerkt

(der damals achtjährige) Göthe unter dem einen dieſer Blätter:Zweite Stech⸗Schrifft, welche im Monate May 1757 unter 20 Streitern nach dem Urtheil des Herrn Brunelius mit Nro. I. beeh⸗ ret worden, und unter einem zweiten:Den 2. Auguſt 1757 beliebte es dem Herrn Seelhof mich unter 22 Mit⸗Stechern mit Nro. 7. zu beehren. Auch erzählt er:Wir Knaben hatten eine ſonn⸗ tägliche Zuſammenkunft, wo jeder von ihm ſelbſt verfertigte Verſe produciren ſollte.

Es iſt nun wohl nicht zu läugnen, daß ſich in dieſer Unterrichtsweiſe mehr Zufall und Laune, als Plan und Abgemeſſenheit, mehr beliebiges Gehenlaſſen, als geordnetes Durchführen, mehr das Experimentiren jenespädagogiſchen Dilettantismus, als das geregelte Verfahren derLeute von Metier erkennen läßt, und Göthe ſelbſt ſpricht von ſeinem damaligenzerſtreuten Leben, ſeinem. zerſtückelten Lernen, ſeinerſtets geſchäftigen Einbildungskraft, die ihnbald da, bald dorthin führte, und von denfremdartigen Beſchäftigungen und Arbeiten, die ſo ſchnell auf einander folgten, daß man ſich kaum beſinnen konnte, ob ſie zuläſſig und nützlich wären. So haben denn auch ſeine Beurtheiler Manches von dem, worin er ſie nicht befriedigte, aus dem Mangelhaften ſeines Bil⸗ dungsganges hergeleitet.Es war, ſagt Schäfer(Göthes Leben),ein Fehler in der Göthe⸗ ſchen Erziehung, daß Alles zu früh und möglichſt gleichzeitig gelernt werden ſollte; dadurch ward die Neigung getheilt und geſchwächt, der Hang zum Wechſel befördert; und ſo klagt er auch über denpädagogiſchen Dilettantismus,der, um Verſäumniſſe wieder einzubringen, das Wiſſenswer⸗ the von allen Seiten heranzuziehen ſucht und in dem Vielerlei der Bildung unſicher umhergreift. Ward auch, fügt er hinzu,Göthes Vielſeitigkeit dadurch gefördert, ſo iſt ihm doch auch, als Folge dieſer planloſen Erziehung, das raſche Abſpringen von einem Gegenſtande der geiſtigen Beſchäftigung zu einem andern durchs ganze Leben eigen geblieben. Welch ein Gewinn wäre es für ihn gewe⸗ ſen, wenn er das ſchon frühe begonnene Studium des Griecchiſchen eifrig fortgeſetzt hätte! es wäre ihm der Umweg erſpart worden, auf dem er ſich ſpäterhin dem helleniſchen Alterthum näherte. Auch Viehoff iſt der Meinung:Es wäre vielleicht nicht unheilſam für den Knaben geweſen, wenn er eine Zeit lang an den ſtrengen und feſten Bildungsgang einer öffentlichen Schule gebun⸗ den worden wäre, die unmöglich den einzelnen Zöglingen in ihren beſondern Neigungen ſo nachge⸗ hen kann, wie es der Privatunterricht, bei aller Conſequenz, in der Regel doch thun wird. Ja, er behauptet ſogar:Deutſchland hätte einen andern Göthe gehabt, wenn er in Elementarſchule und Gymnaſium ſich zur Univerſität vorbereitet hätte. Vornehmlich, ſagt man(ſo Viehoff, Düntzer u. A.), fehlte bei dieſem Studiren nach Laune und Belieben die Gewöhnung anaus⸗ dauernden, anhaltſamen Fleiß, d. h. anjenen ſtoiſchen Fleiß, der auf ein fern geſtecktes Ziel mit willenskräftiger Ueberwindung der augenblicklichen Stimmung und Neigung hinarbeitet, der es ſich