Aufsatz 
Haus oder Schule - oder Schule und Haus? Erläutert durch Mitteilungen aus der Bildungsgeschichte Goethes und Schiller's
Entstehung
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Lehre konnte weder der Seele noch dem Herzen zuſagen; nur im Engliſ chen wurde etwas ge⸗ leiſtet. In der Geometrie ſcheint es bei den erſten Elementen geblieben zu ſein, von denen ſou fort, um der Sache einigen Reiz: zu geben, in die praktiſche Anwendung übergegangen, und nicht nür an Darſtellung abſtrakter Formen, ſondern noch lieber an zierlichen Käſtchen, Luſthäuſern u. dgl.

gearbeitet wurde. Für die Realien, die der Vater als Nebenſache behandelt zu haben ſcheint, ge⸗ ſchah bei dieſem Unterrichte ſehr wenig. Eine Mineralienſammlung, die er von ſeiner, ſehr gern von ihm beſprochenen, Reiſe nach Italien mitgebracht hatte, würde den Kindern mehr zum Zeitver⸗ treibe als zur Belehrung vorgezeigt, und ſoviel darüber geſagt, als er in Ermangelung gründlicher Kenntniß ſagen konnte. Andre Gebiete der Naturwiſſenſchaften blieben dabei faſt ganz un⸗ berührt, und Göthe hat erſt in Weimar ſich damit vertraut gemacht und ihr Studium lieb gewon⸗ nen. Geographie wurde aus einem alten Kompendium, in welchem ſie zur Erleichterung des Behaltens in abgeſchmackte Reimverſe gebracht worden war, faſt mehr dieſer beluſtigenden Abge⸗ ſchmacktheit als der Sache wegen, memorirt, und Göthe wußte noch im hohen Alter die Reime Oberyſſel viel Moraſt macht das gute Land verhaßt, als Pröbchen davon zu geben. Die Geſchichte las er in Gottfrieds Chronik nach, der Viehoff wohl Unrecht thut, wenn er glaubt,

nur die ſchönen Merianſchen Kupfer, mit denen das Buch ſo reichlich ausgeſtattet iſt, hätten den Knaben anziehen können, nicht aber derſehr naive, der heutigen Jugend ungenießbar gewordene Text; denn gerade dieſe Naivetät und ſchmuckloſe Einfachheit der Darſtellung iſt(wie es der Ver⸗ faſſer dieſer Erörterung aus an ſich ſelbſt gemachter Erfahrung ſagen kann), für das jugendliche Ge⸗ müth um Vieles anſprechender, als es die meiſten der für Kinder geſchriebenen, mit moraliſchen Nutzanwendungen durchwebten populären Geſchichtserzählungen mit ihrer faden Gemüthlichkeit und ihrem hohlen Pathos zu ſein pflegen. Im Latein unterrichtete der Vater ſelbſt, und zwar, da er der Sprache völlig mächtig war, mit ſo gutem Erfolge, daß ſein Schuler ſchon im zehnten Lebens⸗ jahre den Ovid, Virgil und Terenz zu leſen vermogte. Um Vieles ſchwächer aber waren die Fort⸗ ſchritte im Griechiſchen. Göthe nennt den Lehrer nicht, der ihm dazu die Anleitung gegeben. Wahrſcheinlich war es auch hier der Vater ſelbſt; denn in dem bereits erwähnten Erercitienhefte kommen in den lateiniſchen Dialogen auch einige griechiſche Phraſen und Sentenzen vor. Bis zum fertigen Leſen griechiſcher Autoren kam es jedoch nicht; Ueberſetzungen mußten dabei aushelfen. Meine Kenntniß hierin, bemerkt er ſelbſt,erſtreckte ſich(zur Zeit ſeines Abganges zur Univer⸗ ſität) nicht über das Neue Teſtament hinaus; doch hat er ſich in ſpäteren Jahren, durch den Um⸗ gang mit Wolf und Voß, mit dieſer Sprache vertrauter gemacht. Auch von dem Italieniſchen theilte der Vater ſo viel mit, als er auf jener Reiſe nach Neapel gelernt hatte, und zwar zunächſt nur der Tochter; ließ es jedoch gern geſchehen, daß der an demſelben Tiſche mit andern Gegen⸗ ſtänden beſchäftigte Sohn nebenher auch dieſeluſtige Abweichung des Lateiniſchen mitlernte. So ſcheinen die Kinder auch die Elemente des Franzöſiſchen, worin er ſelbſt esnicht zu großer Fertigkeit gebracht haben mogte, von ihm erlernt zu haben. Grammatiſchen Untekricht im Deut⸗ ſchen hat Göthe wohl nicht genoſſen. Man hielt dieſen Unterricht damals, auch in Schulen, für

überflüßig, da man die Mutterſprache ja aus täglicher Uebung kennen lerne und höchſtens einige Cxercitien im ſchriftlichen Gebrauche derſelben nöthig habe; wie ſie ſich denn auch in jenem