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man, vornehmlich bei der Vorausſetzung, daß der wohlhabende und ſorgſame Vater wohl nicht eine
der ſchlechteſten unter den dort vorhandenen Lehranſtalten gewählt haben wird, den damaligen Zu⸗ ſtand des Frankfurter Schulweſens für einen ſo beiſpiellos mangelhaften anſehen, daß die Frage: warum unſer Dichter ſeine Ausbildung in den geſchloſſenen Räumen ſeines Elternhauſes erhielt? keiner weiteren Beantwortung bedürfte. Man erwäge jedoch, daß der Uebergang des nur an die Stille des Hauſes und an den beſchränkten Umgang in demſelben gewöhnten Kindes in das Geräuſch der Schule und in die ſich dort herandrängenden zahlreichen und verſchiedenartigen Umgebungen ſtets etwas Befremdendes, Aengſtigendes und Beunruhigendes mit ſich führt, daß aber die Gewöhnung, bis zu welcher Göthes kurzer Schulbeſuch es nicht bringen konnte, mit dem Allen nach und nach nicht nur vertraut macht, ſondern ſogar befreundet; weshalb denn auch Viehoff(„Göthes Leben“) meint:„Die„„Waffen““ würden ſich ſchon auf die Dauer gefunden haben, und das„„Gemeine und Niederträchtige““ würde bald in anderm Lichte erſchienen ſein.“ Göthes Zurückhalten von der Schule hat alſo— obwohl er ſelbſt von des Vaters„Mißtrauen gegen die damaligen Lehrer“ und von der„Pedanterie und Trübſinnigkeit“ derſelben ſpricht— gewiß nicht allein, und auch wohl nicht einmal vornehmlich ſeinen Grund in der Schlechtigkeit jener Frankfurter Anſtalten, ſondern wahrſcheinlich in ganz andern Umſtänden gehabt. Zunächſt wohl darin, daß ſein Vater, Johann Caspar Göthe(geb. 1710, geſt. 1782), Sohn eines, durch Heirath wohlhabend und Beſitzer eines großen Gaſthofes gewordenen, Schneidermeiſters aus Artern im Mansfeldiſchen, als er nach vol⸗ lendeten Rechtsſtudien zu Leipzig und Gießen(wo er promovirte), in ſeiner Vaterſtadt Frankfurt das nachgeſuchte öffentliche Amt auch für Verzichtleiſtung auf Beſoldung nicht ohne die geſetzmäßige Ballotage zu erlangen vermogt, im Aerger darüber ſich Titel und Rang eines kaiſerlichen Rathes verſchafft, jede amtliche Anſtellung in der alten Reichsſtadt ſich dadurch unmöglich gemacht und ſich auf dieſe Weiſe zu einer Geſchäftsloſigkeit verurtheilt hatte, die dem rüſtigen, arbeitluſtigen Manne — ſowie auch ſeinen nicht wenig dadurch leidenden Hausgenoſſen— ungemein läſtig wurde, und der er nun durch eigene Beſorgung des Unterrichtes ſeiner Kinder für eine Reihe von Jahren ab⸗ helfen wollte. Göthe nennt ihn„lehrhafter Natur,“ und er hatte dieſe Lehrhaftigkeit, ſchon ehe die Kinder geboren wurden, an ſeiner Gattin geübt, die er in der Muſik und im Italieniſchen(des Geſanges wegen) unterrichtete. Doch auch an einem gewiſſen Lehrtalente ſcheint es ihm nicht gefehlt zu haben, wie man aus den(in der Frankfurter Stadtbibliothek aufbewahrten und von Weis⸗ mann herausgegeben) Erercitien erſehen kann, die er dem Sohne in deſſen ſiebentem bis neuntem Jahre auszuarbeiten gab, und die ganz dazu geeignet waren, die Selbſtthätigkeit des Knaben anzu⸗ regen und in die erſten Lebensanſchauungen deſſelben Klarheit und ein richtiges Verſtändniß zu bringen. Demohngeachtet aber macht Göthe denn doch die Bemerkung, daß man bei einem ſolchen„päda⸗ gogiſchen Dilettantismus,“ der damals in die Mode kam, vergeſſen habe,„wie mangelhaft jeder Unterricht ſein muß, der nicht durch Leute von Metier ertheilt wird.“ Es mußten daher für die Lehrgegenſtände, in welchen der Vater den Unterricht nicht ſelbſt ertheilen konnte, auch Lente dieſer Art zu Hülfe genommen werden, wobei aber nicht immer eine glückliche Auswahl getroffen wurde; denn der Zeichnenlehrer war ein„Halbkünſtler,“ der„ohne die rechte Folge und Methode ver⸗ fuhr“; bei dem Religionsunterrichte„ward an einen geiſtreichen Vortrag nicht gedacht, und die


