Aufsatz 
Haus oder Schule - oder Schule und Haus? Erläutert durch Mitteilungen aus der Bildungsgeschichte Goethes und Schiller's
Entstehung
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in dem Leben eines Menſchen kund geben, in der Schule oder in dem Elternhauſe ihren Urſprung hatten, und aus der Art, wie hier oder dort ſeine Erziehung geleitet ward hervorgingen. Aller⸗ dings wird eine ſolche Beweisführung ſchwer werden. Denn wie klar muß ein Charakter und ein Leben mit allen ſeinen Grundlinien und deren mannigfaltigen Verzweigungen vor unſern Blicken da liegen, wenn wir alle dieſe Haupt⸗ und Nebenlinien auf ihren gemeinſamen Anfangspunkt zurück⸗ führen und aus der eigenthümlichen Beſchaffenheit und Lage deſſelben die Richtungen jener Linien und die Art und Weiſe ihrer Verſchlingungen herleiten und erklären wollen! Wie ſelten aber liegen uns über Charakter und Leben eines Menſchen ſo viele und ſo gründliche Zeugniſſe vor, daß wir einen ſolchen Zerlegungsprozeß damit vornehmen und dabei bis auf die erſten Grundlinien zurück⸗ gehen können! Um zu ermitteln, was durchdie bei ihm zur Anwendung gebrachte Erziehungs⸗ methode in ihm erzeugt worden iſt. und als ſicheres Reſultat derſelben angeſehen werden kann, wird bei einer ſolchen pſychologiſchen Analyſe viel weniger das zu berückſichtigen ſein, worin ſich das äußere Leben mit ſeinem Thun und Treiben kund thut, als alles das, worin ſich das Seelenleben mit ſeinen Anſichten, Grundſätzen, Beſtrebungen, Neigungen und Abneigungen, ſeiner Sehnſucht und ſeiner Befriedigung, ſeinem reinen Klange und ſeiner Verſtimmung auf erkennbare Weiſe darſtellt. Es werden alſo vornehmlich ſchriftſtelleriſche Darlegungen ſein, die hier in Betracht kommen, und zwar nicht wiſſenſchaftliche und docirende, ſondern poetiſche, das heißt in dem wahren Sinne des Wortes, nach welchem der Dichter ſein eigenes Empfinden, Sehnen, Glauben, Hoffen, Lieben in klaren und geläuterten Ergüſſen ſeines Innern in ſubjektiver oder objektiver Darſtellung zur An⸗ ſchauung bringt. Iſt dies nun keinem unſrer vaterländiſchen Dichter in größerem Maße gelungen, als Göthe und Schiller, und werden wir alſo, wenn wir die begonnene pädagogiſche Unterſu⸗ chung fortſetzen wollen, vor Allen auf dieſe unſer Augenmerk zu richten haben; ſo kommt uns da⸗ bei das ſo reiche Material gar ſehr zu Hülfe, welches zum Verſtändniſſe ihres Geiſtes und ihrer Dichtungen in ſo zahlreichen Biographieen, Charakteriſtiken, Kommentaren, Studien u. dgl. vorhan⸗ den iſt. Dazu kommt dann auch noch, daß gerade ihre Bildungsgeſchichte bei der Beantwortung der hier zur Sprache gebrachten Frage: ob Elternhaus oder Schule die rechte Werkſtätte für die geiſtige und ſittliche Erziehung des Knaben ſei? überaus beachtungswerth iſt, da Göthe hier die im häuslichen Kreiſe, Schiller die in einer Schul⸗ und Erziehungsanſtalt Gebildeten repräſentiren

kann.

Hört man, wie Göthe ſelbſt ſich über die Schule, die er, fünf Jahr alt, mit ſeiner um 1¹½ Jahr jüngern Schweſter für die kurze Zeit, in welcher der Unterricht im Hauſe wegen des Umbaues deſſelben nicht Statt finden konnte, beſucht hat, inDichtung und Wahrheit u. ſ. w. äu⸗ ßert, und zwar in den harten Worten:Indem man die zu Hauſe abgeſondert, reinlich, edel, ob⸗ gleich ſtreng, gehaltenen Kinder unter eine Maſſe von jungen Geſchöpfen hinunterſtieß, ſo hatten ſie vom Gemeinen, Schlechten, ja Niederträchtigen, ganz unerwartet Alles zu leiden, weil ſie aller Waffen und aller Fähigkeit ermangelten, ſich dagegen zu ſchützen; dann ſcheint es, als müßte