8 zählen nicht genügt, durch Betreiben deutscher Grammatik am Lesebuch darauf, vielleicht noch durch den Umstand verleitet, daß Deutsch und Latein in den unteren Klassen möglichst in einer Hand liegt, und demnach, so ist der Gedankengang, das Deutsche dem Latein vorarbeiten soll, recht fleißig seine Sextaner an einem deutschen Lesestück construieren zu lassen und da kann man erleben, daß irgend ein Lesestück hochpatriotischen Inhaltes streng grammatisch zergliedert wird.—
An einem solchen secierten Körper soll dann der Schüler noch Freude haben. Der Lehrer hat vergessen, daß doch Cornelius Nepos bei seinem zweifelhaften Inhalte(den können wir deshalb aus der Reihe der Klassiker ausschließen) wie geschaffen zum Zerlegen größerer Satzconstruktionen ist. Bei einer solchen Behandlung hört freilich die deutsche Stunde auf, eine Stunde der Weihe zu sein, was sie sein kann und soll.
Läßt aber ein Lehrer deutsche Sätze, womöglich schriftlich, bilden, in den diese oder jene Präposition, diese oder jene Conjunktion vorkommt, dann kann er erleben, daß der auf- geweckte Sextaner einfach sein lateinisches Übungsbuch nimmt und aus demselben sich die passenden Sätze wählt und er thut recht daran. Kann uns dies nicht den Weg zum richtigen zeigen? Beherzigenswert sind die Auseinandersetzungen, die sich gerade in dieser Richtung in der Encyklopädie des gesammten Erziehungs- und Unterrichtswesens von B. A. Schmid I B. p. 912 finden. Nach ihm ist es ein Verdienst von Fr. Thiersch, überzeugend nachgewiesen zu haben, daß das Deutsche im Gymnasium an den altklassischen Sprachen gebildet werden müsse. Daselbst heißt es: Schon in den untersten Klassen lernt der Schüler bei den Anfängen des Lateinischen die Bezeichnung der verschiedenen Wörterklassen, Casus, Tempora, Modi u. s. w. Es wäre thöricht, sich dabei auf irgend eine Definition einzulassen.„Man rede von Substantivis, von Verbis u. s. f., wie man von Tischen, Stühlen, von Blumen und Früchten redet, die ein Kind bald kennt und doch nicht zu erklären weiß. Und soll ja etwas erklärt werden, so ge- schehe es im Anfange auf das äußerlichste. Beim Lateinischen Deklinieren wird nicht nur die deutsche Deklination geübt, sondern auch der Gebrauch des Artikels. Zur fortwährenden Vergleichung fordert die Verbindung des Hauptwortes mit dem Adjektiv auf. Die Formenlehre wird weiter geübt an der Komparation der Adjektiva, an den Pronominibus, an den Conjuga- tionen, ohne daß dem Schüler bei den letzteren die Unterschiede von stark und schwach bei- gebracht werden, die er von selbst richtig handhabt. Hier möchte ich bemerken, daß sich die passendste Gelegenheit hierzu bei der griechischen Formenlehre bietet; ohne lange Erklärung dessen, was ein Schüler von frühester Jugend an richtig anwendet, wird ihm durch Vergleichung mit dem griechischen der so wesentliche Unterschied beider Conjugationen klar. Schmid fährt fort: Ja die Einsicht in die Natur der Formbildung kann dem Knaben erst an der lateinischen Grammatik aufgehen, da die deutsche Sprache darin viel zu arm ist, so daß sie sich bald beim Deklinieren aller Flexion enthalten, bald beim Conjugieren zu Verbindungen und Umschrei- bungen ihre Zuflucht nehmen muß. Auch hier möchte ich hinzufügen, daß in noch höherem Grade die griechische Sprache geeignet ist, Schüler zu einer Einsicht der inneren Thätigkeit unserer Sprache zu bringen; ich erinnere nur an den Vokalwandel im griechischen und im deutschen. Es kommt noch hinzu, daß die Schüler, wenn sie griechisch lernen, doch immerhin 13- 14 Jahre durchschnittlich alt sind, also auch geistig reifer sind, um den Organismus ihrer Sprache, die sie bis jetzt unbewußt gebraucht haben, nach und nach verstehen zu lernen. Am Lateinischen mag immerhin der kleine Sextaner, den äußeren Schematismus der Sprache lernen. Von diesem Gesichtspunkte aus wird auch mit Recht in dem öfter erwähnten Lehrplan darauf


