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gesteckt sind. Sie haben nur den richtigen mündlichen und schriftlichen Gebrauch unserer Mutter- sprache im Auge und ein verständiges Lesen, worunter ein Lesen mit dem Erfolge zu verstehen ist, daß der Schüler das Gelesene wieder erzählen kann. Gewiß ist dies ein Ziel, das ein Lehrer mit seinen Schülern zu erreichen bestrebt sein soll, da ja auf Erlangung dieser Fähig- keit die Möglichkeit einer jeden selbständigen Fortbildung beruht. Ist aber dieses Ziel nur dem deutschen Unterricht gesteckt? Ich glaube kaum. Jeder Unterricht muß es haben, wird er wenigstens zweckmäßig gegeben. In jeder Unterrichtsstunde soll der Schüler in seinem mündlichen Ausdrucke und in der Auffassungsgabe gefördert werden. Werden die Bedingungen der Aufnahme für die unterste Gymnasialklasse streng eingehalten— und das ist eine große Wohlthat für Eltern, Schüler und Lehrer, indem schon auf der Schwelle manche Elemente dem Gymnasium fern gehalten werden, die im Gymnasium zu keiner Freude an der Arbeit kommen, da ihre Kräfte derselben nicht gewachsen sind— dann würde kaum ein Unterricht im Deut- schen mit der bestehenden Stundenzahl auf der unteren und mittleren Stufe nötig sein. Der Religionsunterricht, der lateinische, der geographische giebt Gelegenheit genug, die Schüler im Lesen zu üben, orthographische Übungen würden übrig bleiben, die mit einer gewissen Regel- mäßigkeit anzustellen sind, die sich aber auch mit dem lateinischen Unterricht recht gut ver- einigt denken lassen. Hat nur das angegebene Ziel unser Unterricht, dann kann man sich mit Engländern und Franzosen wundern über besondere Unterrichtsstunden in der Muttersprache, die doch in jeder Stunde gelehrt wird.
Doch ich muß noch näher auf den mitgetoilion Plan eingehen. In demselben findet sich p. 319 für Sexta: Grammatik im Anschluß an das Lesebuch. Unterscheidung der Rede- teile und der Glieder des einfachen Satzes. Deutsche Formenlehre mit Anlehnung an den lateinischen Unterricht, sowie in Übereinstimmung mit der grammatischen Terminologie des- selben. Flexion der Präpositionen. Orthographische und kleine grammatische schriftliche Übungen. Eine Reihe von Jahren lang habe ich bereits in unteren und oberen Klassen ohne Unter- brechung deutsch unterrichtet, aber deutsche Grammatik habe ich nicht in der deutschen Stunde getrieben, wohl aber„Lesen und mündliches Nacherzählen des Gelesenen; Lernen und Vortragen von Gedichten, hauptsächlich aus dem Gebiete der vaterländischen Sage und Geschichte“; damit habe ich die Stunden ausgefüllt und ich habe nicht bemerkt zum Nachteile der Schüler. Das eben Erwähnte enthält auch der Lehrplan und zwar in erster Linie. Aber doch immer noch Unterricht in deutscher Grammatik und zwar Treiben der Grammatik am Lesestück. Durch diese letztere Bestimmung soll wohl das rein theoretische Betreiben der deutschen Grammatik in den unteren Klassen fern gehalten werden, wie ja auch schon in einer Ministerialverfügung aus dem Jahre 1843(Seite 66) vor dem theoretisch grammatischen Unterricht in der Mutter- sprache auf der unteren und mittleren Stufe gewarnt wird. Zu welchem Zwecke aber auch an einem Lesestück deutsche Grammatik getrieben werden soll, kann ich nicht einsehen. Es ist wiederholt darauf aufmerksam gemacht worden, daß bei der Lektüre der alten Klassiker nicht die Grammatik der betreffenden Sprache getrieben werden soll, sondern der Inhalt den Schülern zum Verständnis zu bringen und nur dann eine grammatische Frage zu erörtern ist, wenn der Schriftsteller von dem üblichen Ausdrucke abgewichen sei. Nach der Bestimmung des Lehrplans aber im Deutschen soll also wohl ein Satz zergliedert werden, nach Subjekt, Prädi- kat, Objekt u. s. w. u. s. w. gefragt werden. Hält man denn dergleichen wirklich für nötig, um einen Schüler zum Verständnisse eines deutschen Satzes zn bringen? Da kommt wohl ein tüchtiger, strebsamer Lehrer, der„Unterrichtsstoff“ haben will und dem bloßes Lesen und Er-


