Aufsatz 
Über den deutschen Unterricht auf Gymnasien / Loeber
Entstehung
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auch auf andere hervorragende Dichter unseres Vaterlandes aufmerksam zu machen und Winke zu geben zu einer fruchtbaren Lektüre derselben. So wird für Luther wohl wenig Zeit übrig bleiben; seine Bedeutung für die deutsche Litteratur wird wohl am besten den Schülern gezeigt werden können, wenn von der Entwicklung unserer Sprache gesprochen wird. Freilich scheint hierfür kaum irgend Zeit zu sein. Nach den bis jetzt herrschenden Bestimmungen kann ein Abiturient von der Geschichte unserer Sprache daher nur eine ganz unbedeutende Kenntnis haben. Werden wirklich einige Gesänge des Nibelungenliedes oder einige Lieder von Walter von der Vogelweide in der Sekunda gelesen, dann ist die Zeit für diese Lektüre und also auch für Belehrungen in unserer historischen Grammatik so kurz bemessen, daß der bleibende Er- folg dieser Unterrichtsstunden nur ein ganz geringer sein kann. In der Prima aber ist von altdeutscher Sprache im glücklichsten oder unglücklichsten Fali nur dann die Rede, wenn Proben zur Litteratur gegeben werden und so tritt der Abiturient auf die Universität, um sich seinem Brotstudium zu widmen, ohne eine Ahnung davon zu haben, daß man sich auch dem Studium der deutschen Sprache und Litteratur widmen könne; die Grundlagen für ein Studium des zu- künftigen Gymnasiallehrers hat aber doch wohl das Gymnasium die Pflicht zu legen. Die Zahl der Unterrichtsstunden, die dem Deutschen gewidmet werden, müßte eine größere sein und doch wird es wohl noch lange schwer halten für Sekunda und Prima je eine Stunde wöchent- lich mehr zu bekommen. Das einzige Fach, das vielleicht diese Stunde entbehren könnte, würde dann wohl Latein sein, es bliebe dann immer noch überwiegend genug Doch wir sind gar konservativ im Unterricht und so müssen wir suchen mit dem Verwilligten auszukommen und uns zu helfen, so gut es geht. Strenge Concentration des Unterrichtes kann mangelnde Stundenzahl bis zu einem gewissen Grade ersetzen. Das zu erreichende Ziel der obersten Stufe muß der Lehrer auf der untersten Stufe unausgesetzt im Auge haben.

In den meisten übrigen Unterrichtsfächern ist dieser Grundsatz anerkannt und wird in geordneten Verhältnissen nach demselben gearbeitet. Im Deutschen dagegen ist er weder ausgesprochen in dem Normalplan, wenn ich ihn einmal so nennen darf, noch weisen Programme nach, daß nach einem solchen gehandelt wird; wenn auch in Abhandlungen immer mehr als selbstverständlich angenommen wird, daß an jeder Anstalt ein Kanon von zu lernenden Gedichten besteht. Zur Sichtung der Auswahl der zu lernenden Gedichte würde es sich vielleicht empfehlen, daß eine Zeit lang in den Programmen die in den einzelnen Klassen gelernten Gedichte ange- geben würden. Diese Angaben würden gewiß schätzenswertes Material bieten. Nachdem bei Wiese der Lehrplan für Sexta, Quinta und Quarta gegeben ist, wird das Ziel des deutschen Unterrichtes bis zu dieser Stufe mit folgenden Worten zusammengefaßt: Das bis zu dieser Stufe zu erreichende Ziel ist sicheres, deutliches, sinngemäßes, die Interpunktion beachtendes Lesen; richtiges Sprechen und Schreiben. Dann folgt der Lehrplan für Unter- und Obertertia und dann wiederum folgende Zusammenfassung: Das Ziel des deutschen Unterrichtes bis zu dieser Übergangsstufe ist: Richtige und klare Auffassung des Gelesenen und Gehörten; korrekte und geordnete mündliche und schriftliche Ausdrucksweise. Dann folgt der Lehrplan für Sekunda und Prima. Wird nach diesem Lehrplan, nach dem auf den meisten preußischen Anstalten doch wohl unterrichtet wird, von der untersten Klasse auf das letzte Ziel des deutschen Unter- richts, wenn wir vom deutschen Aufsatze und dem mündlichem Ausdrucke absehen, hingearbeitet? Ich glaube, diese Frage verneinen zu können. Geschieht es doch einmal an einer Anstalt, dann ist es die Folge der Harmonie der Lehrer oder des energischen Regimentes des Direktors.

Doch sehen wir uns die Ziele näher an, die für Quarta beziehungsweise für Obertertia