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Wenn aber der deutsche mündliche und schriftliche Ausdruck, auf den doch in der Abiturienten- prüfung das höchste Gewicht gelegt wird, nicht als die besondere Frucht der Thätigkeit des Lehrers im Deutschen anzusehen ist, sondern an ihm gleichermaßen alle Lehrer teil haben, was hat sich der Lehrer im Deutschen für ein besonderes Ziel zu stecken, abgesehen davon, daß er an den Ausdruck der Schüler gewissermaßen die letzte Feile legt? Die Beantwortung dieser Frage steht in einigem Zusammenhang mit der Art, wie heute auf Universitäten studiert wird. Die Universität trägt ihren Namen als Pflegerin aller Wissenschaften. Sie will nicht allein ihre Schüler tüchtig in einem Fache machen, sondern sie will auch die allgemeine Er- kenntnis derselben fördern. Daher die immerhin bedeutende Anzahl öffentlicher Collegien für die Studenten aller Fakultäten, die ohne Honorar gelesen werden. Leider ist es jedoch Thatsache, daß diese öffentlichen Kollegien nur in seltenen Fällen in der beabsichtigten Weise besucht werden. Schuld ist daran einesteils die große Ausdehnung, die mit der Zeit jede Fach- wissenschaft erreicht hat, anderenteils aber auch die Interesselosigkeit unserer Jugend. Dieser letzteren mit Energie zu steuern ist eine wichtige Aufgabe unserer Thätigkeit, und wir werden es thun, wenn wir uns leiten lassen beim Unterricht von dem Gedanken, nicht etwa eine ab- schließende Bildung unseren Schülern geben zu wollen, sondern lernbegierige Jünglinge auf die Universität zu entlassen. Die Organe für all das Schöne, das die Universität durch ihre Lehrer unserer Jugend bietet, haben wir zu wecken und zu pflegen. Andererseits bat aber auch das Gymnasium nicht zu vergessen, daß es Schüler mit dem Zeugnis der Reife entläßt, die nicht die Universität besuchen, sondern eine Laufbahn einschlagen, auf der ihnen nicht in demselben Maße Gelegenheit zur weiteren Ausbildung geboten wird, wie auf der Universität. Hiernach ist erstens zu verlangen, daß ein Abiturient ausgerüstet wird mit einem sicheren Schatz aus unserer Litteratur und zweitens aber auch eine Kenntnis von dem Entwickelungs- gange unserer Sprache selbst bekommt.
Die Kenntnis der deutschen Litteratur hat keine tote encyklopädische zu sein, sondern eine lebendige, genährt durch fleißige Lektüre der Schriften der Männer, die ein Jüngling, der die Universität bezieht, kennen muß. Der Unterricht muß so gegeben werden, daß er den Schülern eine weite Perspektive gewährt und hierdurch der Eifer in ihnen erweckt wird, noch mehr zu hören und zu lesen. Der von mir oben erwähnte Lehrplan giebt die Schriftsteller an, die vorzugsweise zu berücksichtigen sind. Es sind Luther, Herder, Lessing, Göthe, Schiller vorzugsweise in Prima, Oden von Klopstock und Nibelungen oder Gudrun in Sekunda. So sind ja in diesem Plane die Grundpfeiler des Gebäudes gesetzt, das wir im deutschen Unterricht aufzu- bauen bestrebt sind. Was aber und wie viel ein Abiturient auf diesem Gebiet an sicherem Wissen haben muß, ist noch keineswegs festgesetzt. Der eine Lehrer wird bei der gegenwärtigen Frei- heit des Unterrichtes in diesem Fache die Schüler der Prima genauer bekannt zu machen be- müht sein mit diesem oder jenem Klassiker, je nach seiner eigenen Neigung, ein anderer wird etwa das Lesebuch von Hopf und Paulsiek seinem Unterricht zu grundelegen und mit Be- nutzung der in demselben enthaltenen Proben eine ÜObersicht über den Entwicklungsgang unserer Litteratur den Schülern geben; der Vorschrift der Unterrichtsverwaltung ist ja genügt, indem nicht bloß Namen genannt werden, sondern zu jedem Namen etwa ein Gedicht vorge- lesen wird. Lebendig wird dann gerade nicht die Kenntnis von der Litteratur unseres Volkes sein. Wenn irgendwo, dann ist hier Beschränkung auf's dringendste geboten; es wird ge- rade genug sein, wenn in jedem Semester ein Primaner mit einem Klassiker bekannt und vertraut gemacht wird und von dem einen ausgehend, wird der Lehrer Gelegenheit genug haben,


