Aufsatz 
Über den deutschen Unterricht auf Gymnasien / Loeber
Entstehung
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Deutschland ward wieder frei; das Kleinod, das man in der Zeit der Armut hatte schätzen gelernt, verlor seinen Wert in den Augen der Besten unseres Volkes nicht. Die Gelehrten waren beschäftigt der deutschen Sprache Form zuregeln und zu ründen. Berufen in die deutsche Sprachgesellschaft zu Berlin, um mitzuarbeiten an der Reinigung unserer Sprache, dichtete Uhland 1817 sein Lieddie deutsche Sprachgesellschaft. In ihm wendet er sich an das ganze Volk mitzuwirken an der inneren Gestaltung unserer Sprache; während die gelehrten Männer der deutschen SpracheForm und Zier bestimmen, soll das ganze deutsche Volk deutschen Geist pflegen, aus dem heraus dann auch echte deutsche Sprache geboren würde. Dieses Gedicht des Mannes, der in die tiefsten Schachte unseres Sprachlebens gedrungen war, hat auch seine Bedeutung für die Pflege unserer Sprache auf Schulen.

In der nun folgenden Zeit, in der Deutschland keinen äußeren Feind zu bekämpfen, da- gegen im Inneren ernste Krisen zu bestehen hatte, ward in Programmen und Zeitschriften die Frage über den deutschen Unterricht auf Gymnasien eingehend erörtert. Eine Richtung, die eine Zeit lang namentlich in den Volksschulen herrschte, wünschte schon auf der unteren Stufe den Schüler eingeführt in das Wesen der Muttersprache; er sollte gewissermaßen den Denkprozeß, der beim Sprechen vor sich gehe, verstehen lernen. Der Vertreter dieser Richtung ist bekanntlich K. F. Becker. Er sieht als Zweck des Unterrichts an,daß ein jeder im Volke die hoch- deutsche Sprache vollkommen verstehen lerne.Man versteht die Sprache, wenn man die wahrhafte Bedeutung der Wörter und ihrer Verbindung weiß. So hatte der Unterricht im Deutschen vorzugsweise in Denkübungen zu bestehen, die bereits in den untersten Klassen der Volksschule angestellt werden sollten. R. v. Raumer charakterisiert in seinem Buche vom Unterricht im Deutschen S. 23 diese Methode und zeigt, wie Becker, ein Schüler W. von Humboldt's, sich soweit verirren konnte. Ein wackerer Bekämpfer dieser unnatürlichen Richtung, die Muttersprache auf Schulen zu lehren, trat in Ph. Wackernagel auf, der in seinem Büchlein vom Unterricht in der Muttersprache allen denen, die auf Schulen unsere Muttersprache von der untersten Stufe an wie eine fremde lehren wollen, hart zu Leibe ging. Noch heute ist dies Büchlein von großem Werte und kein Lehrer des Deutschen sollte es un- gelesen lassen.

Auch in der neuesten Zeit, kurz nach der Einigung Deutschlands unter Preußens Führung, wandte sich die Aufmerksamkeit auf die Sprache unseres Volkes. Die bayrische und preußische oberste Schulbehörde stellte die Orthographie in einer dem heutigen Stande der orthographischen Frage entsprechenden Weise fest; die Abweichungen beider Orthographien sind nur gering. Eine Anzahl tüchtiger Schriften sind entstanden, die sich vornehmlich gegen die sprachlichen Sünden unserer Zeit wenden, die ihre Entstehung der allzureichen, allzuraschen Tageslitteratur verdanken, die häufig durch andere lebende Sprachen beeinflußt ist. Doch alle Arbeiten unserer fleißigen Gelehrten zur Klärung und Kräftigung unserer Sprache werden ohne Erfolg sein, wenn wir, die Lehrer der deutschen Jugend, nicht in der richtigen Weise unsern Schülern deutsche Sprache lehren. Hier heißt es Samen für die Zukunft streuen. Der Sprachsinn unserer Jugend muß in der rechten Weise gepflegt und mit so gesunder Kost genährt werden, daß er später sich selbst überlassen, das Ungesunde, das ihm geboten wird, als solches erkennt und verschmähet. Die Lehrer an Gymnasien aber haben um so ernster ihre Aufgabe nach dieser Richtung aufzufassen, als sie vorzugsweise die Söhne unseres Vaterlandes zu bilden haben, die

doch zu einem großen Teile, zu Männern herangereift, auf Teile unseres Volkes von leitendem Einfluß sind.