Uber den deutschen Unterricht auf Gymnasien.
Abhandlungen über den deutschen Unterricht auf höheren Schulen sind so zahlreich, daß man sie kaum alle verfolgen kann. Auf Direktoren-Konferenzen ist häufig über diesen Unterricht beraten worden und auch unsere oberste Schulverwaltung hat ihm schon lange große Aufmerksamkeit geschenkt. Die Schwierigkeit dieses Unterrichts ist allgemein anerkannt und in keinem anderen Fache sind Mißgriffe der Lehrer häufiger als gerade in diesem. Noch keines- wegs ist eine sichere Methode dieses Unterrichts gefunden. Und doch ist kein Fach von so großer Bedeutung für die geistige und sittliche Erziehung unserer Jugend als gerade dieses. Wenn in irgend einer Stunde der nationale Sinn gepflegt werden kann, so ist es in der deutschen. Selbst der Geschichtsunterricht kann nicht mit solcher Eindringlichkeit ihn in den Herzen unserer Schüler erwecken, wie der deutsche. Die Sprache ist das festeste Band, das ein Volk zusammen- hält; die Erinnerung an die köstlichen geistigen Produkte, die in ihr niedergelegt sind, hält die Liebe zum Vaterlande selbst in Zeiten äußerer Unterdrückung wach. Als Deutschland im Anfange dieses Jahrhunderts unter französischem Joche schmachtete, war die deutsche Sprache und Litteratur das einzige, an dem sich die Hoffnung unserer Patrioten immer wieder belebte. Beweis genug für den hohen Wert unserer Litteratur zur Pflege des nationalen Sinnes. Damals erwachte ein reger Eifer, die kostbaren Schätze unserer altdeutschen Litteratur dem Volke zurück- zugeben und dadurch die Liebe zum Vaterlande nicht erlöschen zu lassen; damals war jedes fliegende Blatt, das ein Liedlein eines wandernden Burschen, eines kämpfenden Landsknechts, einer liebenden Maid, kurz eine der vielen Stimmungen des menschlichen Herzens wiedergab, für die fleißigen Sammler unserer Volkslieder vom größten Werte, die sich ihrer hochpatriotischen Aufgabe voll bewußt waren.
Allen äußeren Glanz hatten wir verloren, darum vertieften wir uns um so mehr in uns selbst und unsere Vergangenheit. Zerrissen war unser Vaterland, in seiner Zerrissenheit sollte es machtlos werden. Länder hatte der Eroberer uns nehmen können, Throne stürzen und wieder aufrichten, doch unsere Sprache und die in derselben niedergelegten Schätze unseres reichen Gemütslebens konnte er uns nicht nehmen. Damals dichtete Rückert, der wackere
geistige Kämpfer für die Freiheit unseres Vaterlandes:
Nur noch ein einziges Band ist euch geblieben, Das ist die Sprache, die ihr sonst verachtet;
Jetzt müßt ihr sie als euer Einziges lieben.
Sie ist noch euer, ihr selber seid verpachtet;
Sie haltet fest, wenn alles wird zerrieben,
Daß ihr doch klagen könnt, wie ihr verschmachtet.


