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ſicher nicht überſchritten. Auch ſcheint es nur auf den erſten Blick eine zu hohe Anforderung zu ſein, wenn Jeruſalem, Proſch u. a. auch die Entſtehung der Sprache in die pſychologiſchen Erörterungen ziehen wollen und dabei die Forſchungen Steinthals, Pauls, Gerbers u. a. recht ausnutzen.“*) Auch Hollenbergs aus der Prarxis hervorgegangene Propädeutik nimmt dieſe Frage bei Gelegenheit der Reflerbewegungen auf,**) und wenn nach Steinthal Urſprung und Weſen der Sprache gleich ſind, weil es das Weſen der Sprache, die nichts vom Menſchen Abgeſondertes iſt, ausmacht, immer zu entſpringen, eine ewige Schöpfung, ein beſtändiger Prozeß, ſo iſt es in der That nicht unſinnig, die ſchwierige Frage in der Schule nicht unerwähnt zu laſſen. Daß man ſie der Faſſungskraft der Schüler wohl anpaſſen kann, wird jeder aus Steinthals Werken und Hollenbergs Propädeutik erſehen können. Bei den Schülern— wird aber ſicher ein größeres Intereſſe für die Sprachſtunden und eine grö ere Achtung vor den ſprach— lichen Studien Platz greifen, wenn ſie erkennen, was übrigens ſchon die Entwicklung der Sprache bei dem Individuum zeigt, daß ohne Lautſprache ein Fortſchreiten zum begrifflichen und viſſenſchaftlichen Denken unmöglich geweſen wäre, und daß im Leben der Sprache ebenſo feſte Geſetze walten, wie in der Phyſik, nicht launiſche, grundloſe Regeln.
Wir kehren zu unſerm Ausgangspunkt zurück: ergiebt ſich aus der Zuſammenſtellung und Sum⸗ mierung des pſychologiſchen Stoffes der einzelnen Lehrgegenſtände, daß aus der Arbeit dieſer Disciplinen ein ſich gegenſeitig ergänzendes, die Klarheit eines Syſtems zeigendes und daher auch ethiſch zu wirken fähiges Wiſſen und Können ſich erzielen laſſe, ſo kann die Schule auf einen beſondern Unterricht in der Pſychologie verzichten und kann dies ſogar als Fortſchritt bezeichnen, weil nur durch Vereinheitlichung und Vertiefung des geſamten Unterrichts ſolcher Verzicht ermöglicht wird. Bis dahin ſcheint aber die Frage noch eine offene bleiben, ein beſonderer Unterricht in propädeutiſcher Pſychologie nicht für über⸗ flüſſig gehalten werden zu müſſen.
Man könnte ſchließlich fragen, an welchen Gewährsmann ſich die Schulpſychologie anzuſchließen hätte, da es, wie W. Windelband ausführt, vorerſt immer noch Pſychologien, nicht die Pſychologie giebt***). Und in der That iſt aus der Möglichkeit, ſolche Frage zu ſtellen, von einigen die Unmöglichkeit, Pſychologie in die Schuleeinzuführen, geradezu hergeleitet worden. Dennoch iſt des Sicheren in ihr ſchon ſo viel, daß ſie im ſtande iſt, von innerer Wahrnehmung ausgehend), ſogar der Gehirnphyſiologie netövdelogiſce Anweiſungen zu geben, wie es Steinthalt) thut, uiit prinzivieller Zuſtimmung
d Veobachtun und Beſchreibung der ſeeliſchen Erſcheinungen ruht, um ſi aus ihnen ſelbſt herauszu⸗ erklären, und Steinthal bemerkt mit Recht, daß Pſychologie Erfahrungswiſſenſchaft iſt und ebenſowenig wie die Wiſſenſchaft von der Natur durch die widerſtreitenden Auffaſſungen der höchſten Principien bedingt iſt§). Wenn man nun aber einer beſtimmten wiſſenſchaftlichen Richtung folgen wollte, ſo möchte für den Erfolg einer methodiſch richtig betriebenen Pſychologie es nicht allzuviel ausmachen, welche das wäre. Meinong, der dringend verlangt, daß die Schule über der Herbartiſchen Pſychologie nicht die ſeitdem gemachten Fortſchritte ſich entgehen laſſe, ſagt ſelbſt,„daß es die Pſychologie mit einem Stoffe zu thun habe, deſſen natürlicher Wert auch einer relativ unvollkommenen Verarbeitung desſelben den Arfuru auf vollſte Beachtung ſichert.“ Die Theorie könne nicht überall in die Praxis hineinfolgen; der Schüler ſolle nur auf eigene Füße geſtellt werden, um von dem unmittelbaren poſitiven Wiſſen möglichſt unabhängig zu ſein; aus dem Wiſſen ſolle ein Können werden, darauf ziele der erziehende Unterricht, der, wie überall, auch hier in ſeinem Erfolge nicht von dem Aihenbliclichen Stande der Theorie abhängig ſei Schon ein pſychologiſcher Unterricht im Geiſte des Locke'ſchen„Verſuches“ hätte ſegensreich nach der erziehlichen Seite wirken können§§). Und ſollte das nicht noch viel mehr die Herbartiſche, wegen ihrer metaphyſiſchen
⁴) W. Wundt, der über die Sprache in d.„Grundz. der phyſiol. Pſychol.“ 1. Aufl. S. 847 ff. handelt, läßt ſie eintreten, wo die Hilfsmittel der phyſiol. Pſychol. verſagen. Den Verbindungs⸗ und Verſchmelzungsgeſetzen der Wort⸗ elemente entſprechen ſolche der Vorſtellungen. Syntaktiſche Verſchiedenheiten u. Veränderungen werfen Licht auf die Geſetze der Verbindung der Vorſtellungen. Die Geſchichte eines Wortes, durch Jahrtauſende verfolgt, iſt die Geſchichte einer Vor⸗ ſtellung. Die Formen des Bedeutungswandels ſind nach pſycholog. Geſichtspunkten zu ordnen. vergl.„Die Aufgaben der erperimentellen Pſychologie“(Unſere Zeit 1882, S. 405.
*n) Philoſ. Propäd. 59; ausführlicher 68 ff.
***) Uber d. gegenwärt. Stand d. pſychol. Forſchung S. 13. Leipz. 1876.
*) Über den Wert der inneren Anſchauung Windelband a. a. O. 19.
†*) Abriß d. Sprachwiſſ. I. 473.
**) Unſere Zeit 1882 S. 399.
1971 § §
) Philol. Geſch. u. Pſychol. 15. §) Meinong a. a. O. 62. ÄAhnlich Chevalier a. a. O. II. 14.


