Aufsatz 
Psychologie als Lehrgegenstand auf höheren Schulen
Entstehung
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ſcheint in Hſterreich, wo freilich die größere Ausdehnung des pſochologiſchen Unterrichts notwendiger dahin führt, dieſer Weg der Induktion mit Erfolg beſchritten zu ſein.*) Auch H. Meier geht auf etwas Ähnliches aus, indem er einige Begriffe(Begriff, Schönheit, Ehre) philoſophiſch analyſiert und bemerkt:Von dieſer Seite dürfte es möglich ſein, den Aufbau eines Lehrplans in Angriff zu nehmen. Wenn ſich allmählich ein feſter Beſtand ſolcher Koncentrationsbegriffe, eine Art Schulphiloſophie bildet, ſo werden ſich von hier aus Urteile über die Notwendigkeit und den Wert dieſes oder jenes Schrift⸗ ſtellers oder Werkes gewinnen laſſen.**) Übrigens iſt O. Frick in denAphorismen zur Theorie eines Lehrplans***n) auch ſchon von dieſer Seite vorgegangen.

Bekanntlich iſt ſchon oft der Vorſchlag gemacht worden, Logik und Phuchologie einem geeigneten einzelnen Lehrfach anzulehnen und zuzuweiſen.) So unterſucht Kern unter der Vorausſetzung des gelegentlichen Unterrichts die Frage, wie die Aufgabe der philoſ. Propädeutik durch den Unterricht in andern Fächern gelöſt werden könne.†J†) Unterweger verſucht, ſie mit der Religionslehre in Verbindung zu ſetzen, beſpricht aber die Pſychologie nur als Hilfsmittel für den Lehrertert) Und in manche methodiſche Lehrbücher zum deutſchen Unterricht, welcher dem propädeutiſchen unſtreitig am nächſten ſteht, iſt die philoſ. Propädeutik hineinzuarbeiten verſucht; ſo in die Werke von E. Laas§) und F. Kern.§§) Der deutſche Unterricht, und nicht bloß in Prima, und der ſprachliche Unterricht überhaupt kann noch manches in dieſen Werken nicht Verwertete für die Pſychologie verarbeiten, wenn er nur die von R. Hildebrand imDeutſchen Sprachunterricht mit tiefer Anſchauung angedeuteten Mittel(Etymologie, Bedeutungs⸗ wandel u. a.) und manche Reſultate der neueren Sprachforſchung benutzt, die gerade durch Hilfe der Pſychologie gewonnen und in den bekannten Werken von G. Curtius,(vergl. beſonders, die Einleitung der griech. Etymolog.) W. Scherer, H. Oſthoff, H. Paul, O. Behaghel§S§§) u. a. enthalten und in den angeführten Schriften von J. Seemüller und F. Proſch mit großem Geſchick benutzt ſind. Auch ſprachliche Erſcheinungen, wie Aſſimilation, Prolepſis, Anakoluthie u. a., welche Steinthal im Abriß der Sprachwiſſenſchaft ¹) erklärt, würden ſchönen Stoff zu pſychologiſchen Analyſen geben, und der Blick, den der Schüler dabei wenigſtens von fern in das geſetzmäßige Leben der Sprache werfen könnte, hätte einen nicht zu unterſchätzenden Bildungswert, wie jeder Einblick in einen Organismus, und wäre für die Vereinheitlichung ſeines Wiſſens höchſt folgenreich. Seine Faſſungskraft würde dabei

*) So hat J. Seemüller(Die Sprachvorſtellungen als Gegenſtand des deutſchen Unterrichts Wien 1885). die pſychologiſchen Elemente aus dem deutſchen Unterricht der drittoberſten öſterr. Gymnaſialklaſſe und F. Proſch(Die Grammatik als Gegenſtand des deutſchen und philoſ. propäd. Unterrichts Wien 1885) zu dem gleichen Zwecke den logiſchen und pſychologiſchen Beſtand aus dem geſamten grammatiſchen Unterricht mit Benutzung der neueſten ſprachwiſſenſchaftlichen Forſchungen herausgearbeitet. Man kann vielleicht über den Umfang der aufzunehmenden viſſenſchaftlichen Reſultate hin und wieder anderer Meinung ſein, muß aber dem Prinzip und ſeiner Durchführung durchaus zuſtimmen.

**) Lehrpr. u. Lehrg. XI 14.

un) Lehrpr. u. Lehrg. V 1 ff..

) Kern(Die philoſ. Propäd. in Verbind. mit d. mathem. u. phyſik. Gymnaſialunterr. Progr. Koburg 1861. S. 22 ff.) unterſucht, wie weit die übrigen Schuldisciplinen der Propädeutik vorgearbeitet haben. Dasſelbe thut eingehend Chevalier(a. a. O. I 24 36). K. Jarz(a. a. O. 24 ff.) ſkizziert das von dem Schüler mitgebrachte Material nach den Unterrichtsfächern; doch erſcheint es als Lücke, daß die Muterſprache hier keinen beſondern Platz einnimmt, obſchon ſie das reichſte pſychologiſche Material ſchon in den volkstümlichen, treffenden Redensarten(z. B. außer ſich vor Freude ſein, ſich vor Zorn nicht kennen, ſich ſammeln oder faſſen, mir ſteht der Verſtand ſtill, wie vom Donner gerührt ſein, ich weiß nicht was mir fehlt u. a. m.) und in den Sprichwörtern bietet, in welche das Volk ſeine, von ſcharfer Beobachtung zeugende, Seelenkunde niedergelegt hat. Es wäre eine lohnende und überaus anziehende Arbeit, die pſychologiſche Volks⸗ weisheit aus den ſprachlichen Schöpfungen, Redensarten und Sprichwörtern herauszuziehen. In der Schule können ſie als die ſchönſten pſychologiſchen Probleme zu fruchtbaren üÜbungen verwandt werden. Auch Hollenberg berückſichtigt ſie (z. B. 49). Vergl. R. Hildebrand, Etwas vom Sprichwort in d. Schule. Zeitſchr. f. deutſch. Unterr. 1 473 ff. O. Kares, Poeſie u. Moral im Wortſchatz. Eſſen 1882.

††) Kern, a. a. O.

) Unterweger, die philoſ. Propädeut. in der Hand d. Religionslehrers. Progr. Brixen 1881.

§) Der deutſche Aufſatz in d. obern Gymnaſialklaſſen 2 A. Berl. 187778. Der deutſche Unterricht auf höheren Lehranſtalten. Berl. 1872.

§§) Zur Methodik d. deutſch. Unterr. Berl. 1883. Lehrſtoff f. d. deutſch. Unterr. in Prima. Berl. 1886. Deutſche Dramen als Schullektüre Berl. 1886.

§§§) Eine ſchöne Einführung iſt: H. Ziemer, das pſychologiſche Moment i. d. ſyntaktiſchen Sprachformen. Progr. Kolberg 1879.

¹) S. 484. f. Reiche Ausbeute auch bei G. Gerber, die Sprache als Kunſt 2. A. Berl. 1885 und in der für Belebung u. Vertiefung des geſchichtl. u. ſprachl. Unterrichts überhaupt mit größtem Nutzen zu ſtudierenden Ztſchr. für Völkerpſychol. von Lazarus u. Steinthal.