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in die Praxis überſetzen ſolle, ſo muß der pädagogiſche Theoretiker doch mit Recht immer auf das„hic Rhodus, hic salta!“ gefaßt ſein, und wäre er es immer geweſen, ſo wäre manche pädagogiſche Abhandlung ungeſchrieben geblieben.— In dieſer Beziehung auf die Praxis ſind die„Lehrproben und Lehrgänge“ als ein großer Fortſchritt zu bezeichnen. In einigen derſelben ſind nun auch ſchon Stoffe aus der philoſ. Propädeutik behandelt, ſo von H. Meier:„Der analgytiſche Unterricht und die philoſophiſche Propädeutik.“*) Andere Arbeiten aus den einzelnen Schulfächern kommen ſchon der Schulpſychologie in der vorhin bezeichneten und gewünſchten Weiſe zu ſtatten, und die Forderung, die in dem Unterricht dieſer einzelnen Lehrgegenſtände enthaltenen pſychologiſcheu Elemente zur Verwertung zuſammenzuſtellen, beginnt ſich ſchon zu erfüllen.**) Ein ſo eingerichteter, den Stoff auch nach der pſychologiſchen Seite erſchöpfender Unterricht könnte allerdings mehr wirken als ſchlecht vorgetragene Pſychologie, und mit Recht bemerkt Chevalier:„Wo in den einzelnen Disciplinen mit Sorgfalt nach Klarheit, Beſtimmtheit und Zuſammenhang hingeſtrebt, wo überall auf die Meilenzeiger im Reiche des Wiſſens hingewieſen wurde, da iſt eigentlich mehr geſchehen, als was ein etwa dürrer Kurſus über Logik und Pſychologie leiſten könnte“,“***) fügt aber doch gleich hinzu:„aber nachhaltige Kraft zeigen dieſe Grundlagen doch erſt, wenn Ernſt gemacht wird mit dem Studium der philoſ. Wiſſen⸗ ſchaften, mit der Logik und Pſychologie.“*†)
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— G. Heß meint nun(a. a. O. Vorrede), es wäre, unangemeſſen, einem Lehrer der Prima ſeine Heuriſtik vorſchreiben zu wollen. Doch kann eine als Muſter ausgeführte heuriſtiſche Methode auch einen Lehrer der oberſten Klaſſe nicht beengen; bringen doch die„Lehrproben und Lehrgänge“ recht viele Lektionen für Prima. Aber freilich iſt dieſe Methode deſto beſſer, je mehr Praktiker darin ihre Erfahrungen niedergelegt haben; wenn vorerſt der ganze Stoff in einzelnen Lehrproben von vielen verarbeitet iſt, und dann nach klärenden Kontroverſen ein pädagogiſcher Peiſiſtratos mit beſter Kritik die einzelnen Rhapſodien zur Einheit des vermißten Lehrbuchs der Methodik der Pſychologie zuſammenfaßte. Denn auch die Methode hat ſich organiſch zu entwickeln und die Unebenheiten, d. h. das von zufälligen Umſtänden Abhängige abzuſchleifen; was dem einen entgeht, hat der andere erfahren, nicht alle Fragen gehen gleich ſcharf aufs Ziel los, und der ſpringende Punkt wird nicht überall gleich ſicher herausgearbeitet. Wenn z. B. Höfler beſonders einſchärft, man möge nicht unterlaſſen, am Anfange den Unterſchied zwiſchen phyſiſchen und pſychiſchen Phänomenen— nicht zu erklären, das iſt ſelbſtverſtändlich, ſondern recht ſehr einüben zu laſſen, ſo hat ſich wohl ihm gerade die Notwendigkeit beſonders lebhaft aufgedrängt. ††) Von ſolchen, die pſychologiſchen Elemente gebührend berückſichtigenden Lehrproben aus den einzelnen Unterrichtsfächern zieht alſo die Schulpſychologie den größten Vorteil. Sie giebt ihn aber reichlich wieder zurück,ſ †r) wie auch die Lebenserfahrung und Selbſtbeobachtung das, was ſie der Pſychologie geben, mit Zinſen wieder von ihr zurückbekommen, nur geklärt und vertieft und zu ſicherem Gebrauche geſtaltet. So wirkt eins auf das andere, wie in jedem Organismus und ſchafft die natürlichſte Koncentration. Sind die pſychologiſchen Elemente aus den einzelnen Fächern mit Rückſicht auf ihren ſpäteren Gebrauch ohne Künſtelei ſchon etwas herausgearbeitet, ſo iſt das zur Vertiefung für alle Teile nützlich. Wenigſtens Lehrpr. u. Lehrg. XI 10—42. **) So findet die Pſychologie Berückſichtigung in: W. Münch, Eine Shakespearelektion in Realprima(I 76).— O. Frick, Aphorismen zur Theorie eines Lehrplans, betreffend die Klaſſenlektüre der Gymnaſialprima(V. 1—44).— O. Frick, zur Lektüre der deutſchen Lyriker(VII 65—71).— G. Richter, Zur Einführung in den griech. Tragiker (VII 84: Charakter Antigones, X 26: Charakter des Königs, Wächters, Chors.)— H. Dondorff, Naterialien zum Geſchichts⸗ Unterricht auf der höheren Lehrſtufe(IX 82 Guſtav Adolf). F. Heußner, Zur homer. Pſychologie(X 38: Zweck u. Bedeutung Therſitesſcene).— A. Mathias, Oreſts Heilung in Goethes Iphigenie(XI 49—65). Die Geſtalten aus der altklaſſiſchen Poeſie ſind beſonders geeignet zur pſychologiſchen Analyſe, da ſich in ihnen wieder jene Klarheit und Durehſichtigkeit zeigt, deren Bildungswert Ernſt Curtius in„Altertum u. Gegenwart“ mehr als einmal als einen unerſetzlichen preiſt. Wie ſchon durch ſolche gelegentliche Pſychologie bei Analyſen in Geſchichte und Dichtung auf Bildung der Geſinnung und auf Charakter gewirkt werden kann, ſetzt E. Ackermann in ſeinen„Pädagog. Fragen“(Die Pſychologie im Unterricht) auseinander, und J. W. Nahlowsky bemerkt, daß die Geſtalten der Dichtung der Pſychologie ähnliche Dienſte leiſten, wie— anatomiſche Präparate der Phyſiologie.
um) Treffliches Material aus der philoſ. Propädeutik und beſonders aus der Pſychologie findet man z. B. in F. Kern, Lehrſtoff für den deutſchen Unterricht in der Prima. Berl. 1886. Wie feinſinnig und ungezwungen leitet er durch die Behandlung dichteriſcher Kunſtwerke zu pſychologiſcher Einſicht, und auch in dieſer„gelegentlichen“ Pſychologie findet der Wille als das Wichtigſte die ausgedehnteſte Behandlung.
†) Chevalier a. a. O. II 3.
†r) a. a. O. 44. 66.
rt) Steinthal nennt die Pſychologie geradezu die Principienlehre der Geſchichte.


