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Einzelkenntniſſen wird gegen einen ſolchen Mangel ſehr zurücktreten. Nicht nur jugendliche Bildungsperioden in der Kulturgeſchichte überſchätzen, was Helmholtz bemerkt*), das Denken im Verhält⸗ nis zum Beobachten, ſondern auch jugendliche Bildungsperioden in den Individuen. Das Denken erwacht, aber das Material iſt noch gering. Auf den Gymnaſien wirkt durchgreifend in dieſer Richtung der em⸗ piriſchen, induktiven Methode eigentlich nur der phyſikaliſche Unterricht der Sekunda und Prima, und wer den Eindruck nicht vergeſſen hat, den nach anderer Denkgewöhnung ein methodiſcher Phyſikunterricht, gerade wegen der ruhigen, vorausſetzungsloſen Methode auf ihn machte, wenn vor ſeinen Augen allmählich in das Chaos der Phänomene Ordnung kam und Geſetz, der wird wünſchen, daß ſolche Übung nach der Phyſik der Materie noch einmal, und an einem anders gearteten Stoff, vorgenommen werde in der Pſy⸗ chologie als der Wiſſenſchaft von den ſeeliſchen Phänomenen, gewiſſermaßen der Phyſik der Seele, welcher Wiſſenſchaft Drobiſch als Vorzug vor den Naturwiſſenſchaften den Anblick des geiſtigen Lebens ſelbſt anrechnet**).
So ſind Gymnaſium und Realgymnaſium der Pſychologie gleich bedürftig: außer dem für beide gleichen Nutzen, der oben erörtert iſt, kommt aus der Pſychologie noch für jedes ein beſonderer hinzu, indem das humaniſtiſche Gymnaſium eine methodologiſche, das Realgymnaſium eine materielle Ergänzung erhält. Das kann eine Wiſſenſchaft gewähren, die, wie keine andere, die philoſophiſch⸗hiſtoriſchen und mathematiſch⸗naturwiſſenſchaftlichen Fächer eint und das wichtigſte Bindeglied iſt zwiſchen der Geiſteswiſſen⸗ ſchaft und den Wiſſenſchaften der Materie,„weil der Geiſt beſtimmt iſt, ein doppeltes Studium zu ſein, die Philoſophie mit den Naturwiſſenſchaften zu verbinden***).“
Aufgabe, Stoffbegrenzung und Methode ſind in der Schulpſychologie vielleicht leichter in Einklang zu bringen als in einem anderen Lehrfach. Hält man die erſte feſt im Auge, ſo ergeben ſich die letzten von ſelbſt. Es iſt die Aufgabe der Pſychologie, den geiſtigen Beſitz des Schülers zu ver⸗ einheitlichen und zu koncentrieren, ihm einen Einblick in die treibenden Mächte ſeines Seelenlebens, in die Geſetzmäßigkeit desſelben zu geben und ihn zur Selbſtbeobachtung, Selbſterziehung und Freiheit anzu⸗ leiten. Daraus folgt für die Stoffbegrenzung, daß nur dieſen Zwecken dienendes Material aufgenommen werden darf, und alles pſychologiſche Naſchwerk, beſonders aus den dunklern Partien des Seelenlebens, bei Seite zu ſtellen iſt, wennſchon man auf die Exiſtenz ſolcher pſychiſcher Phänomene bei Gelegenheit hinweiſen kann. Und von Aufgabe und Stoffbegrenzung hängt dann die Methode ab: der pſychologiſche Unterricht hat, ohne ſelbſt neues Rohmaterial zu bringen, die Erkenntniſſe aus den ſchon vorhandenen Kenntniſſen und den Erfahrungen des Schülers abzuleiten oder vielmehr ableiten zu laſſen) und das vorzüglich einzuüben, was die Fähigkeit, ſich die pſychologiſchen Bedingungen eines richtigen Wollens und Handelns in einem beſtimmt vorliegenden Falle klar zu machen, fördert und auf ein ſolches alſo einzu⸗ wirken im Stande iſt.
Es iſt dies neuerdings ſo treffend erörtert worden, daß man auf die bezüglichen Schriften einfach verweiſen kann; ſo auf die Verhandlungen der rheiniſchen Direktoren⸗Konferenz) und die ſchon genannten Schriften von Höfler, Meinong und Chevalier. Wertooll iſt beſonders Höfler's methodologiſche Skizzethr), die ſo ziemlich alle Principien dieſes Unterrichts umfaßt. Es ſollen daher nur die hauptſäch⸗ lichſten Forderungen kurz hingeſtellt werden, die Begründung mag jenen Werken überlaſſen bleiben.
1) Die Pſychologie wird zur Auffaſſung gebracht als das Wiſſen von den ſeeliſchen Erſcheinungen, und der Unterricht beſteht in einer möglichſt vollſtändigen Aufzählung, Beſchreibung und Klaſſifikation der⸗ ſelben, Induktion ihrer Geſetze und Erklärung der zuſammengeſetzteren aus den einfachen Erſcheinungen. 2) Auszugehen iſt von dem gemeinen Bewußtſein und den gewöhnlichen Sprachbezeichnungen der pſychiſchen Erſcheinungen, dabei aber allmählich die Erkenntnis zu erſchließen, daß dieſe Bezeichnungen zum Teil für die Wiſſenſchaft unbrauchbare Hypoſtaſen ſind. 3) Die metaphyſiſche Seelenfrage gehört ebenſo wenig in
*) Reden u. Vorträge II 171.
**8) Empiriſche Pſychologie nach naturwiſſenſchaftl. Methode S. 29. Leipz. 1842.
4) A. Bain Geiſt u. Körper S. 241. Leipz. 1881. Höfler a. a. O. 63.
1)„So beſteht denn das Arcanum jedes erſprießlichen Pſychologie⸗Unterrichts in der Kunſt, den Schüler zu ver⸗ anlaſſen, ſich ſelbſt, cum grano salis natürlich, als Pſychologe zu bethätigen, den Mitteilungen des Lehrers prüfend zu folgen, aber auch findend voranzueilen“.(Meinong a. a. O. 81.) Lazarus, Leben der Seele 2. Aufl. I Vorr. H. Meier bemerkt, daß ſpekulative Erkenntniſſe nur dann triebkräftig und wertvoll für die Kultur des Geiſtes ſein, wenn ſie aus der Fülle konkreter Anſchauungen naturgemäß und notwendig hervorwachſen. Dem Geiſte aufgepfropft, bleiben ſie unfruchtbar (Lehrprob. u. Lehrg. XI 12).
††) Vergl. Theſen auch i. Ztſchr. f. Gymn. 1882 S. 655.
**†) a. a. O. 43 ff.


