Aufsatz 
Psychologie als Lehrgegenstand auf höheren Schulen
Entstehung
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zuſammenhängenden Fähigkeit,das allererregteſte Fühlen ſich innerlich mittels intellektueller Vergegen⸗ ſtändlichung wie mit einer Douche plötzlich abzukühlen*) iſt noch ein anderer Gewinn für Charakter⸗ bildung, die ja aus der Pſychologie, ebenſo wenig wie aus anderer Theorie, nie direkt, aber oft um ſo ſicherer auf Umwegen kommt. Solche Selbſtbeobachtung lernt ſich nur allmählich, wird dann aber, wenn ſie anders nicht in ſelbſtbeſpiegelnde Tagebuchsart verläuft, Selbſtverleugnung und Wahrheitsliebe ſtärken.**)

Daß der erkennende Geiſt zugleich das Objekt ſeines Erkennens iſt, das trägt viel zum hervor⸗ ragenden Bildungswerte der Pſychologie bei, den ſie in dieſer Hinſicht mit keinem Lehrgegenſtand der Schule teilt. Es erfordert das eine ganz andere und energiſchere Bethätigung des Geiſtes, als wenn er eines außer ihm liegenden Stoffes und Vorganges ſich erkennend bemächtigen will.

Das ſind eigenartige Vorteile, die wir von einem zuſammenhängenden Unterricht in Pſychologie erwarten dürfen. Gelegenheit zum Einblick in das Seelenleben, zur Beobachtung innerer Thatſachen und Vorgänge iſt ja auch in den anderen Lehrſtunden genug geboten. Allein ſolche Gelegenheit kann heute, wo ein Extrem ein anderes ablöſen zu ſollen ſcheint, und der Ruf nach äußerer Anſchaulichkeit ſchon manchmal zu Bilderkultus verleitet und vergeſſen läßt, daß die Kraft der ſelbſtändigen Anſchauung und Erfaſſung dadurch leicht geſchwächt und durch Übermaß eine dissolutio animorum eintreten, daß durch Verbildern leicht ein phantaſiearmes, flügellahmes, verflachtes Geſchlecht erzeugt werden kann, nicht oft genug geboten werden***). Ein wenig Beſchreibung ohne Bild und der Zwang, ſich ein innerliches Bild ſelbſt zu geſtalten, wäre zur Zucht der Geiſter hin und wieder recht heilſam, mag ein äußeres Bild oder, wie natürlich, das Objekt ſelbſt darauf noch vorgezeigt und dann mit deſto größerem Nutzen betrachtet wer⸗ den, oder mag es, wie bei der Pſychologie, mit dem inneren Bilde ſein Bewenden haben. Anſchauung iſt ja die Grundlage aller geiſtigen Entwicklung, allein man kann auch, beſonders in oberen Klaſſen, dies Princip übertreiben, und man lernt auch ſehen an unſichtbaren Dingen). Solche Übung in der inneren Anſchauung muß, beſonders in jenen Klaſſen, die ſinnliche ergänzen zu deren eigenem Vorteil.

Auch ſollte, um die Gemüter vor den heute drohenden Gefahren der Zerſtreuung und Zerfahren⸗ heit möglichſt zu bewahren, das innerliche Leben und das Schauen nach innen begünſtigt werden, wo und wie es geſchehen kann. Damit die Erfahrungserkenntniſſe der Außenwelt nicht zu ſehr überſchätzt werden, und die Vertiefung des Individuums nicht Not leide, ſoll ihnen einz Gegengewicht geboten werden durch die erfahrungsmäßige Auffaſſung des Seelenlebens. Im Hinblick darauf ſcheinen die Realgymnaſien der Pſychologie noch mehr zu bedürfen als die Gymnaſien, weil auf letztern der pſychologiſche Stoff, den die einzelnen Lehrfächer ohnehin bringen, viel größer iſt, während auf jenen die Disciplinen, welche ſich mit der Erkenntnis der Außenwelt beſchäftigen und dabei für die Erkenntnis des inneren Menſchen nichts abwerfen, einen breiteren Raum einnehmen. Sicher iſt die pſychologiſche Analyſe nicht weniger wichtig und wertvoll als die chemiſche, und wenn praktiſche Kenntniſſe heute von der Schule ſo laut verlangt werden, ſo darf darüber kein Zweifel beſtehen, daß eben das, was die Pſychologie giebt, im höheren Sinne und im hohen Grade praktiſch iſt. So könnte Pſychologie die Einſeitigkeit der Realgymnaſien ergänzen, aber einen ähnlichen Dienſt auch den Gymnaſien leiſten. Denn dieſe können den Lehrgegen⸗ ſtänden mit rein empiriſcher, induktiver Methode keinen ſo großen Raum zuweiſen, beſonders nicht auf den oberen Klaſſen; und doch könnte hier erſt die Methode als ſolche, abgeſehen vom Stoff, recht ver⸗ ſtanden werden und auf eigenes, ſelbſtändiges Denken, auf die Fähigkeit, eigene Unterſuchungen anzu⸗ ſtellen, wo empiriſche Thatſachen in bunter Reihe gegeben ſind, fördernd wirken. Der Gymnaſialabiturient wenigſtens, der das mediziniſche Studium erwählt, wird nicht geringen Nutzen davon haben, da die Uni⸗ verſitätslehrer ja gerade darin eine beſſere Vorbereitung wünſchen der Mangel an naturviſſenſchaftlichen

*) Bahnſen a. a. O. I 354. 2m) Drbal a. a. O. 7. **) Vergl. auch H. Wäſchke, Grenzen der Veranſchaulichung beim deutſchen Unterricht, Ztſchr. f. d. deutſch. Unterr. I 341 ff.

r†) Vergl. R. Hildebrand, Vom deutſchen Sprachunterr. 3. A. 97 ff., welcher ausführt, daß die eigentliche Gewalt und Wirkung großer Schriftſteller auf der Kunſt beruht, die gewöhnlichen Worte mit ihrem ganzen urſprünglichen, ſinnlichen Inhalt zu erfüllen und dazu Beiſpiele aus Leſſing, Abbt und Goethe anführt. Es ſei eine auserleſene Denk⸗ übung für obere Klaſſen, den tief ſinnvollen Kern in und mit der Anſchauung zu erfaſſen und es übe, erquicke und be⸗ fruchte Seele und Geiſt zugleich.Auch der erwachſene Leſer fühlt bei Stellen, wie die angeführten, wie das Denken unterm Leſen unvermerkt in ein Sehen übergeht. Vergl. auch O. Frick, Bemerkungen über Art u. Kunſt des Sehens. Lehrprob. u. Lehrg. XIII 17 ff. Wic man bei Homer ſehen lernen kann, zeigt u. a. Chr. Semler in ſ. geiſtvollen Schrift: Die äſthetiſche Erziehung u. Homer als die Grundlage derſelben. Dresd. 1864(S. 3 ff.) und Chr. Adam, Das Plaſtiſche im Homer. Progr. Münch. 1869.