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mit Poeſie vor allem, ſehr wohl kann und ſogar muß, wenn ſie Früchte zeitigen ſoll— Agraxlον ν ναααs— ſo iſt ein ſolches ingenium trotz ſeiner Leiſtungen immer verdächtig. Die Leitung der Schule hört endlich auf, der Jüngling ſoll nun ſelbſt das ſeiner Begabung angemeſſene Wirkungsfeld finden und ſoll es begrenzen, weil er ſonſt im unendlichen Raum ſich verflüchtigt. Er kann aber keins von beiden, weil keine Vorſtellungsgruppe die Herrſchaft führt und ihn auf das ihr Entſprechende als ſeiner Natur und Anlage Angemeſſene gebieteriſch hinweiſt, und unter beſtändigen Velleitäten und Verzettelungen reibt er ſich auf, und ein glänzender Geiſt geht jammervoll zu Grunde, verloren für ſich, verloren für die Welt. Kann die Schule den Entwicklungsgang ihrer als reif entlaſſenen Zöglinge während der nächſten Jahre genauer verfolgen, ſo hat ſie großen Vorteil davon, und wäre es auch nur für die richtige und zeitige Anwendung der Vorbeugungsmittel. Denn ſollte jener Jüngling nicht zu retten geweſen ſein? Auch für ſchwierige Fälle unnormaler geiſtiger Veranlagung und Gewöhnung kann man noch günſtige Bedingungen herſtellen, die eine geſunde Entwicklung ermöglichen.*) Hier iſt eine rechte Gelegenheit für eine„individuelle Behandlung“, die ſich auch über die Schulſtube hinaus erſtreckt. Die Schule wird ihre Pflicht thun, wenn ſie einen ſolchen Schüler anleitet, ſeinen zerflatternden Neigungen und Beſtrebungen immer ein feſtes Ziel vorzuſtecken und ſie dadurch zu befeſtigen; und nicht abzulaſſen, bis das Ziel erreicht iſt. So kann der Wille durch Gewöhnung erſtarken. Dazu ſoll aber die Pſychologie noch ihr Licht auf den dunkeln Weg werfen, auf den er ſich forttreiben läßt, und ihm den Abgrund am Ende desſelben aus der Nacht auftauchen laſſen. Sie ſoll ihn darüber belehren, daß auch die Seele eine„ονορνQ Vv nicht verträgt, daß eine That nur möglich iſt, wenn eine herrſchende Vorſtellungsgruppe ſeiner Tätigkeit die Richtung weiſt, wenn er ſich in dieſer Richtung Ziele ſteckt“**) und ſich davor hütet, ſie unerreicht zu laſſen; daß ſeine Phantaſie nur dann einen Wert haben kann, wenn ſie in den Dienſt gewiſſer Intereſſen geſtellt und mit geregeltem Fleiß verbunden iſt, und daß er verderben muß, wenn er alles dieſes nicht beachtet. Ein unmittelbares Reſultat iſt natürlich nicht zu erwarten, ſonſt könnte man auch zu einem Kranken ſagen: ſei geſund!“ Aber es wird ein Stachel in ſeiner Seele ſein für alle Zeit. Die Bedingung für die Selbſterziehung ſind gegeben, ſein Intellekt iſt jetzt im Stande, dem Willen als drousννεαιων zu dienen. Wendet er die Hebelkraft nicht an, ſo iſt Rettung für ihn nicht vorhanden, aber die Schule hat ihre Pflicht erfüllt. Auch von dem Baume verweht manche Blüte; das ſtimmt zur Wehmut, aber wer will die Natur meiſtern!
Kann ſo die Pſychologie auf der Schule dem Jüngling die Mittel zur Selbſterziehung an die Hand geben, wodurch er Gefahren, die ihm von Seiten ſeiner intellektuellen Anlagen drohen, zu bekämpfen vermag, kann ſie ihm auch für ſolche Dinge, bei denen es ſich nicht gerade um das furchtbare„Sein oder Nichtſein“ handelt, z. B. für die richtige Behandlung und Erhaltung des Gedächtniſſes, folgenreiche Winke geben,“***) ſo iſt ſie ihm außerdem noch eine Beraterin in ſittlichen Kämpfen und Anfechtungen; freilich in anderer Art als die Religion, und nur ſoweit es die praktiſche, mehr äußerliche Behandlung der Pſyche betrifft, und doch wieder nach derſelben Richtung hin wirkend, weil ja in unſerer Religions⸗ lehre die tiefſte Kenntnis der Menſchenſeele und ihrer Bedürfniſſe enthalten iſt. So kann ſchon auf der Schule die Pſychologie durch Analyſe der ſeeliſchen Vorgänge z. B. zeigen, wie nach einem das Gemüt niederdrückenden Fehltritt, bei ſittlicher Niederlage und troſtloſer Verzweiflung eine Aufrichtung nur möglich iſt durch erſtarkendes Selbſtvertrauen, und dieſes dadurch erlangt wird, daß man angeſichts des unerbittlichen Geſetzes nicht verzweifelnd die Hände in den Schoß legt, ſondern indem man vorerſt ſeine nächſten konkreten Aufgaben unmittelbar verwirklicht und rechtſchaffen erfüllt.†) Das iſt alles ſo wichtig und kann von entſcheidender Bedeutung für das Wohl und Wehe des Einzelnen werden; wo aber kann er es ſicherer lernen als in der Schule? An der Heerſtraße des Lebens liegen gebrochene junge Exiſtenzen genug, ein jeder wird eigene Schulgefährten darunter wiſſen und nicht die ſchlechteſten. Man darf die wichtigſten Jahre des Überganges nicht ſorglos herankommen ſehen, als ob die richtige Wahl des Weges, Geſundheit des Geiſtes und Seelenfriede die einfachſten Sachen von der Welt wären.
Daß die Anleitung zur Kunſt des Selbſtbeobachtens, ohne welche den Schülern fertige Reſultate überliefert werden müßten, und die Pſychologie auf der Schule wertlos wäre, manchem noch während des Kampfes mit der Leidenſchaft ſich ſegensreich erweiſen möchte in der, mit der„Enge des Bewußtſeins“
*) P. Radeſtock, Genie und Wahnſinn S. 49. Bresl. 1884.
**). d. O. S. 52.
uus) Drbal, Lehrb. d. empir. Pſych. 2. A. 107. 114.
†) Bahnſen a. a. O. I 218 II 19. Bahnſen und Radeſtock treffen hier bei der Abwehr moraliſcher und intellektueller Gefahren in einem Mittel zuſammen...


