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ſondern die Beſprechung der einzelnen pſychiſchen Thatſachen und Vorgänge, auf die Kenntnis der beſon⸗ dern Anlagen und Neigungen der Schüler geſtützt*), ſo einzurichten weiß, daß diejenigen, denen es gerade not thut, ſich innerlich betroffen fühlen, und unvermerkt und ſcheinbar ohne Zuthun des Lehrers, nur von ſich ſelbſt aus, zur Selbſteinkehr und Selbſtkritik kommen. Das wirkt denn tiefer und nachhaltiger, als die eindringlichſte direkte Mahnung und Warnung. Es ſei geſtattet, einen ſolchen möglichen Fall herauszugreifen.
Steinthal ſchildert in ſeiner„Einleitung in die Pſychologie und Sprachviſſenſchaft“**) eine beſondere Art unglücklicher Menſchen. Sie ſind auf jedem Gebiet zu Hauſe, theoretiſch und praktiſch, haben überall neben Kenntniſſen auch ein geiſtreiches Urteil; es fehlt ihnen aber eben darum an einem Centrum, an einer herrſchenden Apperceptionsgruppe.„Es ſind ariſtokratiſche Naturen, deren geiſtige Organiſation auch das Bild einer Ariſtokratie giebt. Sie produzieren nichts und ſind vorzugsweiſe zum Genuß befähigt. Sind ſie glücklich, ſo ſind ſie auch wohlwollend. Sie ſind dankbar für alles, was ihnen andere zum Genuß bieten und begünſtigen alle, welche produzieren. Es ſind die Mäcene. Sie können aber ihr Glück nur dem Geſchick verdanken und wehe ihnen, wenn ſie ohne Glück geboren ſind. Denn ringen, kämpfen iſt nicht ihre Sache. Sie verſuchen dies und jenes ohne Ausdauer, denn hinternichts ſteckt die Energie einer bevorzugten, anſpornenden, regierenden Gruppe. So will auch nichts entſchiedenen Erfolg erringen. Nun bleiben ſie zurück in ihrer Stellung. So gewinnt der Zweifel an der Richtigkeit, wie an dem Grade ihrer Befähigung Raum. Jetzt kommt es darauf an, wie ſtark die ethiſche Vorſtellungsgruppe iſt. Iſt ſie ſchwach, ſo entſteht leicht Blaſiertheit. Das anfängliche Wohlwollen für jede Beſtrebung anderer ſchlägt um in Mäkelei gegen alle Leiſtungen; und richten ſie ihre Kritik gegen ſich ſelbſt, ſo wird dieſe zur Skepſis, und ſie zehren ſich auf in ewigem Wollen, Produzieren und Selbſtverurteilen und Vernichten der eigenen Arbeit.“ Wem fallen nicht ſofort gewiſſe Menſchen aus ſeiner näheren oder ferneren Bekanntſchaft ein, und welcher Lehrer hätte unter ſeinen Schülern nicht ſolche gehabt, denen er mit ziemlicher Sicherheit eine ähnliche Prognoſe hätte ſtellen können? Weniges kann den Schüler dem menſchlichen Intereſſe des Lehrers ſo nahe rücken, als der Verſuch, ſich die Entwicklung eines jeden von ihnen im Voraus vorzu⸗ ſtellen und ſie ſich als Männer zu denken. Denn gar zu leicht vergißt man in überfüllter Klaſſe, daß man es nicht mit Schablonen oder Gefäßen zu thun hat, die gefüllt werden ſollen, ſondern mit Individuen, deren mannigfach geſtaltetes Geiſtesleben jedes ſein Recht für ſich hat und ſeine Gefahr. Es kommen einem vor den Schulbänken manchmal Viſionen, die ein wehmütig Gefühl hervorrufen, und ſie beziehen ſich nicht auf die ſchlechteſten ingenia. Wie möchte man helfen mit jedem Mittel und muß an das ſchöne Wort L. Wieſes denken:„Was iſt Mitteilung von Kenntniſſen und alle Kunſt der Methodik gegen den berechtigten Anſpruch, daß die Erziehung dazu helfe, daß das Menſchenherz feſt werde!“***) Ja, wie hätte das Herz jener Unglücklichen feſt werden können? In der Schule ſelbſt wird die Gefahr der Zerſplitterung, des Mangels einer herrſchenden Apperceptionsgruppe, werden ihre Folgen nicht beſonders bemerkbar ſein. Die von Steinthal geſchilderten Individuen werden ſogar Zierden ihrer Klaſſe geweſen ſein, denn die ethiſche Vorſtellungsgruppe, von deren Stärke ihr ſpäteres Schickſal abhängt, wird hier noch weſentlich unterſtützt durch die gleichmäßige Gewöhnung des Arbeitens der aufgegebenen Tagespenſa, und die Ausſicht auf das Eramen giebt ihnen die Richtung ihrer Thätigkeit.†) Das, in Goethes Sinne, „Problematiſche“ ihrer Natur wird aber auch durch ihre glänzendſten Schulleiſtungen hindurchblicken und ſich in der Unbeſtändigkeit ihres Intereſſes, dem ruheloſen Flattern von einem Stoff zum andern, um ihn bald wieder liegen zu laſſen, in der übermäßigen Beweglichkeit des Geiſtes, die durch hervorragende Phantaſie nur begünſtigt, nicht erzeugt wird. Wenn ein treffliches ingenium kein ſog. Steckenpferd hat oder als ſolches eins, das nur ſeiner überwuchernden Phantaſie dient, ohne ihn zu ſtrenger, geregelter Arbeit zu veranlaſſen, was ja auch die, ſolchen Geiſtern beſonders liebe, Beſchäftigung mit dem Schönen,
*) Die Wichtigkeit der Charakterologie dieſes„Bindegliedes zwiſchen pſychiſcher und ethiſcher Betrachtungsweiſe“ für den Erzieher, zeigt ſo recht Bahnſens Buch und giebt reichſtes Material(mit Anlehnung an Schopenhauers Metaphyſik).
**) Abriß d. Sprachwiſſ. I 227. 3
***½) Die Bildung des Willens S. 37. 4. A. Berl. 1879. Vergl. auch die ſchöne Stelle über das Verhältnis des Lehrers zum Schüler bei Bahnſen a. a. O. II 170.
*) Für ſolche wäre der Vorſchlag Paulſens, dem übrigens ſchon hier und dort vereinzelte Verſuche vorausgegangen ſind, die Schüler in der oberſten Klaſſe an freies Arbeiten zu gewöhnen, von größter Bedeutung. Die Schule ſollte da verfahren, wie ein gewiſſenhafter Schwimmlehrer, der ſeinen Zögling nicht eher frei in den freien Strom hinausläßt, bevor er nach
den gebundenen Übungen an der„Angel“ nicht noch einige Zeit an der loſeren„Leine“ ſich übte, wo er Freiheit der Be⸗ wegung hat und doch noch in der rettenden Hand ſeines Meiſters iſt..


