Aufsatz 
Psychologie als Lehrgegenstand auf höheren Schulen
Entstehung
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Pſychologie nicht abſehen könnte, welche nach Vollenduug der Schule keine Univerſität beziehen, ſo iſt auch für ſolche, welche ihre Ausbildung auf der Hochſchule weiter verfolgen und dort wirklich pſychologiſche Vorleſungen beſuchen, die Schulpſychologie, ganz abgeſehen von der Erwerbung der ſpäter ſchwerer nach⸗ zuholenden und dann immer noch nichteingeſchulten Elementarkenntniſſe,) von genau derſelben großen Bedeutung. Was die Schule nicht gab, kann die Univerſität nicht geben. Dieſe behandelt jeden Stoff als Wiſſenſchaft, ſie lehrt auch die Pſychologie nur zum Zweck rein wiſſenſchaftlicher Erkenntnis. Wie kann es ſie da kümmern, welche praktiſche Bedeutung dieſer Stoff für das innere Leben, für das Verhalten des Individuums hat? Selten wird es vorkommen, daß ein Zuhörer aus dem pſychologiſchen Kolleg, wo die Theorie kalt und ruhig und, infolge der neueren Forſchungen, auf einer Maſſe anatomiſch⸗ phyſiologiſchen Materials aufgebaut wird, wo das ethiſche Gefühl wohl zu erklären verſucht, der Stand⸗ punkt ethiſcher Wertſchätzungen aber völlig ausgeſchloſſen wird, das nach Hauſe trägt, was das Hauptziel der Pſychologie auf der Schule iſt: Kenntnis der wichtigſten pſychiſchen Geſetze mit der durch Anleitung erworbenen Fähigkeit, ſelbige zur Selbſterkenntnis und Geſundheit der Seele zu verwerten. Es ſoll nicht moraliſiert werden, aber eine eindringliche, warme Beſprechung der pſychologiſchen Thatſachen, welche in der Entwicklung des jungen Menſchen eine wichtige, oft verhängnisvolle Rolle ſpielen, möchte den Schüler wohl tiefer ergreifen und eine nachhaltige Wirkung nicht verfehlen. Die Schule ohne propädeutiſche Pſychologie würde ſich ein edles Mittel, das, hier unbenutzt, überhaupt und für immer verloren iſt, zur Erreichung ihrer erzieheriſchen Ziele entgehen laſſen. Jene aber iſt das ſchönſte viaticum für den Schei⸗ denden und, damit verſehen, würde er manchen inneren, unerträglichen Zwieſpalt in dieſer Periode des Gährens wohl leichter beſeitigen. Zur Selbſtbeobachtung angeleitet, würde er ihn als einen analhſier⸗ baren pſychologiſchen Vorgang erkennen und einſehen, daß die Urſache jenes Zwieſpaltes nur in der eigenen Perſon liegt, in der Unklarheit der Gefühle und Verworrenheit der Begriffe.**) Wer das Inſtrument, mit dem er ſpielt, einigermaßen kennt, wird deshalb nicht am reinſten und beſten ſpielen, aber er kann ſich doch helfen, wenn etwas nicht in Ordnung, wenn das Inſtrumentverſtimmt iſt. Und ſo iſt Kennt⸗ nis der geiſtigen und ſeeliſchen Vorgänge und Geſetze, die Helmholtz von dem niſerſchaftlichen Arbeiter verlangt,***) auch dem Jüngling nötig zur Selbſterziehung.

Man könnte fürchten, daß, wie durch Häufung der Analyſe im geſamten Unterricht, gegen welche ſich H. Bender in ſeinenGymnaſialreden(1887)) wendet mit Berufung auf einen Ausſpruch Goethes, ſo auch durch ſolche Selbſtbeobachtung, wobei man der eigenen Seele ſchon objektiv gegenüberſtände, die echt jugendliche Leidenſchaft, die aufflammende Begeiſterung für die Ideale, ohne welche der Jüngling ſchon Greis iſt und nie ein rechter Mann wird, beeinträchtigt werden kann. Die Ruhe des Weiſen, der alles von der Höhe ſeiner Anſchauung betrachtet, wäre bei einem Jüngling traurige Blaſiertheit. Recht hat auch J. Bahnſen, wenn er bemerkt, daß mit allzu reflektiertem Bewußtſein um das eigene Thun und Laſſen eine Schwächung der ſittlichen Energie ſich einzuſtellen pflege. Allein er beſtätigt auch, daß ein wenig Reflexion und Selbſtbeſinnung die Kraft zur Selbſtüberwindung ſtärke.ſ†) Wir können beruhigt ſein: die Leidenſchaft des Idealismus gehört ſo ſehr zur ijugendlichen Natur, iſt ihre Funktion, daß ſie auch durch Reflexion nicht geſchwächt werden könnte, wie dem Phyſiologen deshalb nicht die Funktion des Schluckens verloren geht, weil er ſie analyſieren kann. Selbſtbeobachtungen dieſer Art ſind auch nicht zu erwarten. Da iſt's wie bei dem Leib, an den man in geſunden Tagen gar nicht denkt, und deſſen Funktionen man nur in kranken Tagen beobachtet. Pſychologie kann in der That unter Umſtänden für kranke Zuſtände das beſte Heilmittel enthalten. So wird ſie der Lehrer der Propädeutik ſchon in der Klaſſe anwenden können, wenn er ihre Wirkung auf ſeine Schüler nicht erſt von der Zukunft erwartet,

*) Trendelenburg, kl. Schrift I 144. Laas, lit. Nachl. 68.

a) Chevalier a. a. O. II 25.

am) Reden u. Vorträge II 188.

*)Üüber Analyſis u. Syntheſis in Zeit u. Schule. Goethes Ausſpruch:Ein Jahrhundert, das ſich bloß auf die Analyſis verlegt und ſich vor der Syntheſis gleichſam fürchtet, iſt nicht auf dem rechten Wege. Gegen die Analyſe der Charaktere in poetiſchen Kunſtwerken, ein hohes Bildungsmittel, wird man nichts einwenden. Die Aufgabe der Pſycho⸗ logie iſt ebenſo, wie die der Phyſik, nicht ein Vorausſagen, ſondern ein Erklären des Geſchehenen(vergl. H. Steinthal, Philologie, Geſchichte u. Pſychologie(Berl. 1864 S. 58). So könnte man von dem Pſychologen dasſelbe wie vom Dichter ſagen: er ſei ein rückwärts gewandter Prophet. Iſt es der Dichter doch auch nur als Pſychologe. Wenn man aber in der Schule ſeine Werke in ſich aufnehmen wollte, ohne über das Seelenleben der Helden ſich genau Rechenſchaft zu geben, ſo wäre es, als betrachtete man eine ſchöne Blume und ließe ſich mit der Freude an ihr, die ja an ſich ſchon etwas Hohes und ethiſch Wertvolles iſt, genug ſein, ohne ihr Leben kennen zu lernen, welches Kennenlernen noch immer nicht ein flaches und nüchternes Zergliedern der Staubfäden zu ſein braucht..

*½) Beiträge z. Charakterolog. 1 184. 298 ff. 349.