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in ſeiner Geſetzmäßigkeit ſchwerer erkennbar dar; und wie viele geiſtig Verlorenen mögen in den Abgrund getaumelt ſein, bloß weil ſie die tiefe Lehre von der geiſtigen Freiheit ſo verſtanden, als ob Freiheit Willkür wäre und Geſetzloſigkeit. Es ſchien ihnen immer noch Zeit, andere Wege einzuſchlagen, wenn es mit dem Nachgeben gegenüber überwuchernden und die Einheit des Ichs zerſtörenden intellektuellen Neigungen nicht weiter ginge. Da war es denn aber zu ſpät, und der Geiſt, deſſen Freiheit mißver⸗ ſtanden wurde, ging elend zu Grunde. Die praktiſche Freiheit, als die Unterwerfung unter Gottes Gebot, wird die Religionsſtunde zur denkenden Ueberzeugung bringen; die theoretiſche Freiheit des Geiſtes, welche darauf beruht, daß wir nach ſeinen Geſetzen unſer inneres Leben regeln und ſeine Kräfte in Einklang zu bringen ſuchen, alſo auf Einſicht in die Notwendigkeit ſich ſtützt, hat die Pſychologie zu lehren. Es geſchieht das kurz bevor der Jüngling die Schule verläßt. Auch wenn ihm die Vorkenntniſſe aus den einzelnen Fächern und der gereiftere Geiſt nicht gefehlt hätten, wäre Pſychologie in einer frühern Zeit für ihn überflüſſig geweſen. Die Schule mit ihrem, der geiſtigen Natur angemeſſenen und daher auf Heranbildung zur geiſtigen Freiheit ab⸗ zielendenLehrplan beſorgte ſchon die Okonomie des jungen Geiſtes, ſo lange ſie ihn unter ihrer Zucht hatte, alſo bis zum Abgangsexamen. Nun aber erfolgt der größte Sprung, den ein Menſch in ſeinem Leben machen kann: von geiſtiger Bevormundung, Regelung des geiſtigen Lebens bis ins Kleinſte zu völliger Selbſtherr⸗ lichkeit, zu völligem Aufſichgeſtelltſein. Das iſt eigentlich nicht normal, und mit Recht weiſt Paulſen darauf hin.*) Er hat freilich hauptſächlich die wiſſenſchaftliche Kluft zwiſchen Schule und Univerſität im Auge und empfiehlt zur Ueberbrückung derſelben größere Freiheit des Arbeitens gegen Ende der Schulzeit und Vorbereitung zur Univerſitätswiſſenſchaft durch philoſ. Propädeutik in weiterem Umfange. Und wer bei Beginn ſeiner wiſſenſchaftlichen Studien oft ratlos und pfadlos und an ſich und ſeinem Können verzweifelnd dageſtanden hat, wird ihm von Herzen beiſtimmen. Allein wir meinen nicht jene, ſondern die praktiſche Kluft zwiſchen Schule und Leben; nicht die Wiſſenſchaft des Schülers, ſondern die richtige Behandlung ſeiner Pſyche, ſeine intellektuelle Selbſterziehung. Dieſer bedarf der Begabteſte am meiſten. Je reicher die Anlage und Ausgeſtaltung der Intellekts iſt, deſto größer die ihnen drohende Gefahr, und es ſcheint faſt, als ob die Entwicklungsfähigkeit des Geiſtes in der Natur in keinem Ver⸗ hältnis ſteht zu den natürlichen Vorkehrungen zu ſeinem Schutze, ſondern dieſe längſt überholt hat. Wie könnten ſonſt die von Haus beſten und tiefſten Geiſter ſo oft zu Grunde gehen, während niedrigere In⸗ telligenzen das weniger zu fürchten haben? Wo uns aber die Natur im Stiche läßt, muß die Kunſt aushelfen, darauf beruht Unterricht und Erziehung des Menſchen, und ſo müſſen dieſe ihm, da ſie ihn endlich doch aus ihrer Hut zu entlaſſen haben, auch fruchtbare und folgenreiche Winke und Anweiſungen geben, an ſeiner Erziehung ſelbſt weiter zu arbeiten, d. h. ſeeliſch ſo zu leben, daß die innere Geſundheit gewahrt bleibt, und die Bedingungen für das ſeeliſche Leben aus eigener Wahl ſo zu beſtimmen, daß die Pſyche wächſt und ſich zu ihrer wahren Beſtimmung entfaltet.„Iſt das Ziel der Erziehung und Bildung, die freie Selbſtbeſtimmung und mit ihr die eigentliche Erziehung vollendet, ſo daß für das Individuum die Zeit der freien Selbſterziehung beginnen kann, ſo trägt ein Gegenſtand, der den Schüler tiefer in ſein Inneres ſchauen läßt, nicht wenig zu dieſem hohen Ziel der freien Selbſterziehung bei.“**) Damit aber die Pſychologie raten und warnen könne, müſſen ihre Grundgeſetze und deren Anwendbarkeit auf das eigene ſeeliſche Leben, müſſen die mächtigſten deoand Kräfte und die Bewegungen ſelbſt mit ihren Bedingungen klar von dem erkannt ſein, der für ſeine Seelenökonomie fortan ſelbſt zu ſorgen und einzu⸗ ſtehen hat. Die pſychiſchen Funktionen ſind ihm in ihren Erſcheinungen wohl bekannt, weil im ganzen Unterrichte auf ſie Rückſicht genommen werden mußte; allein über ihre Natur und ihre Bedingungen kann er zum Teil nur zuſammenhangsloſe, oft vielleicht nur, wie ſie in der Sprache ſich finden, aufge⸗ raffte Vorſtellungen und Begriffe haben, ſo oft er auch pf ſychologiſche Ausdrücke, beſonders in ſeinen Auf⸗ ſätzen, anwenden und etwas„pſychologiſch ſehr intereſſant“ finden mag. Die wichtigſten pſychologiſchen Begriffe und die mit ihnen bezeichneten Vorgänge ſind alſo zur Klarheit zu erheben, und dem Schüler iſt die Kenntnis von der Entſtehung der Vorſtellungen und ihrem Wechſel, von der Bedeutung der Phänomene des Gedächtniſſes, des Gefühls und des Willens zu vermitteln und beſonders bei dem zu ver⸗ weilen, was die Geſundheit der Seele fördern oder ſchädigen kann. In ſolcher praktiſchen Anwendung liegt der Hauptwert des pſychologiſchen Unterrichts, der nicht um ſeiner ſelbſt willen da ſein darfk. Und wenn man in der Überzeugung, daß die höhere Schule ihren Zweck in ſich ſelbſt trägt und nicht nur Vorbereitungsanſtalt iſt für die Univerſität, ſchon um deretwillen von einem Elementarunterricht in
) Centr. Org. 19. *.) Chevalier a. a. O. III 25.


