Aufsatz 
Psychologie als Lehrgegenstand auf höheren Schulen
Entstehung
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als welche hier doch nur Pſychologie und, daran ſich ſchließend, Hinleitung zum Grundproblem der Erkenntnis⸗ theorie wirkſam ſein können, Kopf und Herz vor Irrungen zu bewahren Trendelenburgs Bedenken gegen Pſychologie als Unterrichtsgegenſtand auf den Schulen hält Paulſen wohl mit Recht jene pſychiſche Thatſache der erwachenden Spekulation entgegen.*)

Mit dieſer ſo herſtellbaren Befriedigung des theoretiſchen Intereſſes, daß ſich bei erwachender Selbſtändigkeit des Denkens, bei dem berauſchenden Vorgefühl der geiſtigen Freiheit ſo mächtig erweiſt, daß auch trägere ingenia dialektiſche Anwandlungen bekommen, und der Suchende, wenn ihm die Schule nicht beiſteht, die flachſten Afterlehren mit Begeiſterung aufnimmt, wenn ſie nur ſeinem Bedürfniſſe entgegenkommen, hängt manches ſehr Praktiſche, Ethiſche zuſammen, bekanntlich eine Folge jeder Koncen⸗ tration, hier der letzten und höchſten. Sicher hat der feſte und einheitliche Zuſammenſchluß der Vorſtellungs⸗ und Erkenntniskreiſe einen bedeutenden Einfluß auf Willen und Charakter. Durch die angeſtrebte Harmonie im Wiſſen kommt auch Harmonie in das Sein.**) Man darf dieſe Wirkung nicht überſchätzen, da noch andere höchſt einflußreiche Faktoren bei der Charakterbildung mitwirken, vor allem die Gewöhnung,***) allein auch nicht zu gering veranſchlagen. Es kommt dabei gar nicht darauf an, wie man das Verhältnis des Willens zu den Vorſtellungen auffaßt: die Erfahrung lehrt ſchon, daß theoretiſche Sicherheit und Klarheit die Sicherheit und Beſtimmtheit des Handelns beeinflußt und theoretiſche Unſicherheit darauf hemmend wirkt.) Erſt ſelbſtändige Meinung giebt den Charakter.

Einen ebenſo großen und mehr unmittelbaren Einfluß möchte die einheitliche pſychologiſche Verarbeitung und Sichtung der Thatſachen des eigenen Seelenlebens für ſich allein haben. Dieſer Beſitz des Schülers iſt durch eigene Erfahrung erworben, und wenn in das urſprüngliche Chaos auch ſchon Geſtaltung gekommen iſt, ſo iſt es doch mehr in unbewußter, jedenfalls nicht vollſtändiger Weiſe geſchehen (S. 7). Eine ausreichende Einſicht in die organiſche Gliederung und Verbindung der einzelnen Faktoren und Gruppen im Seelenleben iſt noch nicht erzielt, weniger oft und weniger abſichtlich als in den Wiſſen. ſchaften der äußeren Objekte hat eine Beziehung der geiſtigen Phänomene auf einander ſtatt gefunden⸗ Damit würde aber auf das Ziel hingearbeitet, dasals das letzte Ziel für die Aufſätze und für alle Schullehre überhaupt erſcheint, d. h. daß der Schüler ſein Selbſterlebtes, Selbſterfahrenes(und das iſt ja bei jedem ein anderes bei aller durchgehenden Ähnlichkeit) richtig und gründlich verarbeiten und für die höheren Zwecke alles Lebens verwerten lerne, indem er die Maſſe der Einzelerſcheinungen, die an ihn herantreten und in ihn hereinwirken, bezwingen lernt mit höheren Geſichtspunkten.††) Hildebrand will aus den Sprichwörtern dieſe höheren Geſichtspunkte nehmen. Wenn wir ſie in der Schulpſychologie zu finden glauben, ſo treffen wir mit ihm doch in demſelben Punkt zuſammen, da wir das Sprichwort, in welchem das Volk ja ſeinen pſychologiſchen Tiefblick zeigt, eben im pſychologiſchen Unterricht reichlich verwerten wollen(S. 19). Wenn dem Jüngling das eigene Innere ein dunkles Rätſel iſt, wird er zwar, wenn Haus und Schule ihre Schuldigkeit gethan haben, in praktiſchen ſittlichen Fragen, wenn es ſich um ſein Verhältnis zu andern handelt, um die Entſcheidung nicht verlegen ſein dieſe lernt er überhaupt nicht aus der Pſychologie wohl aber wird er, wenn es ſich nur um ſeine eigenen Anlagen, um Nachgeben oder Kampf gewiſſen Seiten ſeines theoretiſchen Ichs gegenüber, wenn es ſich um die intellektuelle Selbſterziehung handelt, oft ratlos und zweifelnd daſtehn oder blind unheilvolle Wege einſchlagen. Da ſoll die Seelenkunde ihm raten und helfen; um das aber zu können, muß ſie in der Schule auch im Zuſammenhang behandelt ſein. So viel Tiefes und Wahres davon ſich auch in den übrigen Unterrichts⸗ fächern hier und da bringen läßt und gebracht werden muß: die Thatſache, daß ein ernſtes, unerbittliches Geſetz auch in den ſeeliſchen Vorgängen waltet, möchte dem jungen Menſchen doch nur ſo zum klaren Bewußtſein kommen und, was mehr wert iſt, ihn in ſeinem tiefſten Innern ergreifen, wenn er in zuſammenhängendem Unterricht den Zuſammenhang der geiſtigen Faktoren kennen lernt, wie einer von dem andern abhängt, und wie es kein Entrinnen giebt und keine Rettung auch in der Welt des Geiſtes, wenn man mit Unverſtand ſich gegen die Geſetze ſeines Lebens vergeht. Das Unſichtbare ſtellt ſich aber

*) Centr. Org. S. 28.

*n) Chevalier a. a. O. III 25.

ni) P. Radeſtock, Die Gewöhnung u. ihre Wichtigkeit für die Erziehung 2. A. Berl. 1884.

Die pädagogiſchen Discuſſionen aller Art wären überhaupt weniger leidenſchaftlich und erfolgreicher, wenn man ſich, wie es doch ſo ſelbſtverſtändlich iſt, über Aufgabe und Bedeutung des Unterrichts erſt einigte und ſich vor Über⸗ und Unterſchätzung des Einfluſſes des Unterrichtes an ſich gleich ferne hielte; beſonders würde auch der Streit zwiſchen Humanismus und Realismus, deſſen Leidenſchaft, wie O. Frick(Lehrprob. u. Lehrg. IV 9) bemerkt, die großen Pädagogen von Comenius bis Herbart gar nicht verſtehen möchten, ſehr an Ruhe, Klarheit und Ergebniſſen gewinnen. d

†t) R. Hildebrand. Etwas vom Sprichwort in der Schule. Ztſchr. f. d. deutſch. Unterr. I(1887) S. 478.