Aufsatz 
Psychologie als Lehrgegenstand auf höheren Schulen
Entstehung
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Lehrbuchsfrage er ſelbſt denkt an den Gebrauch eines Buches erſt in zweiter Linie mit der Be⸗ merkung:Der akademiſche Lehrer betrachtet das Lehrbuch als den Text, über den er kommentiert, der Schulmann als das Reſultat ſeiner vorangegangenen, zum eigenen Denken und Erfinden gewöhnenden Unterhaltungen,*) und ſo wird denn nach vollendetem Lehrgange ein Buch in jedem Falle zu empfehlen ſein und wird ſeinen großen Nutzen nicht verfehlen, vorausgeſetzt, daß der Unterricht den Schüler und dieſer jenen wirklich erfaßt hat.

Die Notwendigkeit der Pſychologie als Lehrgegenſtand ſcheint ſo ſehr auf ihrer Bedeutung als Koncentrationsſtoff zu beruhen, daß der Erfolg des erziehenden Urerrichts wohl in etwas gemindert wird, wenn die Pſychologie nicht genügende Berückſichtigung findet. Denn wenn jede mit Plan und Ziel handelnde Pädagogik, nenne ſie ſich Herbartiſch oder anders,**) kleinemethodiſche Einheiten in engem Anſchluß an die Natur des Menſchengeiſtes, der von dunkeln Anſchauungen zu deutlichen Begriffen kommt, durcharbeiten muß die Herbartiſche Schule nennt das: Unterricht nach denformalen Stufen und die einzelnen Akte dieſer Durcharbeitung ihre Plätze nicht vertauſchen können, noch einer von ihnen fehlen darf, wenn nicht nur aus dem Unterrichtsſtoff alles gemacht werden ſoll, was gemacht werden kann, ſondern auch aus dem Geiſte der Schüler, ſo möchte ſich am Ende der Schulbildung auch das geſamte Wiſſen der Schüler als eine großemethodiſche Einheit auffaſſen laſſen, bei deren Behandlung der zweite große Hauptakt nicht fehlen darf, wenn das Wiſſen ein harmoniſches und lebendiges ſein ſoll. Alle einzelnen Unterrichtsfächer, in denen ſelbſt jeneformalen Stufen beſtändig zur Anwendung kamen, alle Schuljahre haben bei dieſem großen Prozeſſe derVorbereitung undDarbietung den Stoff gegeben. Der Stoff iſt jett zur Summe des geſamten Schulwiſſens zuſammengefloſſen, dazu kommt die eigene Erfahrung der Schüler, dieSyntheſe iſt vollendet, der Apperceptionsprozeß abgeſchloſſen. Und an dieſer größten methodiſchen Einheit hat ſich jetzt die pädagogiſche Methode im großen zu vollziehen. Denn nicht einmal die Summe des Schulwiſſens allein, vielweniger dieſes und die eigene Erfahrung, iſt ſchon Einheit, ſo viel auch ſchon, und je beſſer der Unterricht deſto mehr, in gegenſeitiger Beziehung der Lehrfächer auf ſie hingearbeitet ſein mag. Um ſie ganz zu erreichen, fehlte es den Lehrfächern an Zeit und den Schülern an den nötigen Kenntniſſen, die erſt am Ende der Schulzeit ausreichend geſammelt ſind.) Jetzt hat daher der zweite Hauptakt zu beginnen, der im Verknüpfen des Gewußten und Erfahrenen und in der Zuſammenfaſſung des Begrifflichen beſteht(Abſtraktionsprozeß). Das hat die philoſophiſche Propädeutik und vor allem die Pſychologie zu leiſten, dadurch ſchafft ſie ſich erſt ſelbſt, wie ſie ſich in der Schule immer wieder ſelbſt zu ſchaffen hat; ſie hat die Einheit des Bewußtſeins herzuſtellen, ſo weit ſie in dieſem Lebensalter zu erreichen iſt, und ſie kann es, weil in allen menſchlichen Verhaltniſfen pſychiſche Elemente enthalten ſind, und weil das Menſchliche das Ziel des Unterrichts iſt. Sie holt ihren Stoff aus allen Unterrichtsfächern und giebt ihn ihnen geklärt und vertieft zurück.

Weit davon entfernt zu belaſten, entlaſtet alſo die Pſychologie den Schüler, wie alles, was neue Aſſociationen in ſeinem Geiſte bewirkt, die ſich gegenſeitig halten und ſtützen. Sie iſt eine notwendige Ergänzung der andern Lehrfächer und der eigenen Erfahrung und hat ſich, nicht Selbſtzweck, wie überhaupt kein Lehrfach, innerhalb dieſes Rahmens zu halten und darin die Einheit zu ſchaffen. Die natürliche Sehnſucht des Geiſtes nach dieſer Einheit, die unbewußt bei Schülern der oberſten Klaſſe, oft wenig liebenswürdig in vorlauter Disputierſucht, ſich äußert und in der Neigung, gerade Prinzipienfragen zu erörtern, oder gar in der Skepſis, die doch nichts iſt als ein Gewahrwerden der Hinderniſſe beim Streben nach Einheit, ein verunglücktes Streben nach dieſem Ziel, weiſt hin auf die Notwendigkeit, der philoſ. Propädeutik, die aber nur als Logik, auch wenn ſie nicht die alteformale wäre, das zu dieſer Zeit beſonders mächtige Seelenleben nicht berückſichtigen und deshalb auch nicht ausreichen kann, eine beſondere Stelle im Lehr⸗ plan zu geben. Von dieſer Sehnſucht der Gemüter, welche durch Philologie und Mathematik nicht aus⸗ gefüllt werden könnten und deshalb ein Gefühl der Leere ſpürten, ſpricht Herbart in dem Aufſatzeüber den Unterricht in der Philoſophie auf Gymnaſien) und hält es für nötig, durch die Schulphiloſophie,

*) Grund ätze d. Erzieh. u. d. Unterr. II 282. 8. A. 1825.

**) Schiller, Handb. d. pr. Pädag. 237.

r) Auch Bains Meinung iſt, daß die Schüler die Wiſſenſchaft des Geiſtes nach einer vorbereitenden Ausbildung und Belehrung betreten ſollen, die ſie in den übrigen Wiſſenſchaften erworben haben.Auf dieſer Grundlage aufgebaut wirkt die Pſychologie als ein Bildungsmittel, das ſeinen eigenen Wert hat, während ſie gleichzeitig die Menge unſerer geiſtigen Erkenntnis ausdehnt und ihre Qualität verbeſſert(a. a. O. S. 167.)

**) Lehrb. z. Einl. i. d. Philoſ. 2. A.(1821) S. 281.