Aufsatz 
Psychologie als Lehrgegenstand auf höheren Schulen
Entstehung
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der geſamten Lektüre der Prima mit ihren Ergebniſſen zeigt ſich ſo recht die hohe Bedeutung derſelben auch in dieſer Hinſicht.*) Auch die pſychologiſchen Elemente, die in allem Menſchlichen enthalten ſind, werden da aufeinander bezogen. Das ſchafft der Pſychologie auf der Schule eine gute Ausſicht: das Streben nach Koncentration, dieſe Propädeutik der Propädeutik, führt ganz von ſelbſt zu ihr hin als der Spitze der Koncentration und ihrer Krone. Die Pſychologie iſt die höhere Einheit, in welcher auch die Ergebniſſe der Lektüre, die, wenn nicht Künſtelei angewandt wird, doch keine vollſtändige Pſychologie geben können, mit denen anderer Lehrſtunden aufgehen.**) Die Bedeutung der Pſychologie als Koncentrationsſtoff muß mit der Schärfe betont werden, mit der es K. Jarz thut in ſeiner Schrift:Über die philoſophiſche Propädeutik als geeignete Disciplin für die Koncentration des gymnaſialen Unterrichts(Wien 1882), denn davon hängt ein Teil ihres eigenartigen Bildungswerkes ab und die Sicherheit ihrer Stellung im Lehr⸗ plan. A. Höfler's***) und R. Hofmannsf) Einwendungen mögen für die mit einer größern Stundenzahl bedachte Propädeutik in Oeſterreich zutreffend ſein; die deutſchen Schulen müſſen aber hinſichtlich der Pſychologie mit Zeit und Stoff wohl haushalten, und indem ſie die Bedeutung derſelben zum Teil in ihrer Funktion als Koncentrationsſtoff ſehen, können ſie in der That den Zufall mit bildender Hand zum Zwecke geſtalten.

Da die Pſychologie in dieſer Eigenſchaft nicht neue Rohſtoffe zu den in zu großer Fülle ſchon vorhandenen Stoffen bringen darf, ſo wäre es vielleicht am beſten, den Schülern überhaupt kein Lehrbuch in die Hand zu geben. Es bringt leicht zu vielanatomiſch⸗phyſiologiſches Beiwerk) und erweckt zu leicht den Gedanken, daß nun, dem Namen entſprechend, etwas ganz Neues und Schwieriges gelehrt werden ſolle, und läßt die Einſicht bei dem Schüler ſchwerer aufkommen, daß er doch alles, was er braucht, bereits in ſich trägt, Stoff und logiſche Funktion, welch' letztere durch den geſamten Unterricht geſchärft und durch einen, wie es ſcheint, in jedem Falle dem pſychologiſchen voranzuſtellenden logiſchen Unterricht zur Bewußtheit erhoben ſein muß. Während der ganzen Schulzeit iſt ja gegen das Buchwiſſen als ſolches anzukämpfen, weil es der ſelbſtändigen und harmoniſchen Entwicklung des Menſchengeiſtes hinderlich iſt und ihn niederdrückt ††½) man wird aber ſelten ſo gute Gelegenheit dazu haben wie hier, wo recht zu Gemüt geführt werden kann, daß Bücher wohl der Niederſchlag des Wiſſens ſind, daß das Wiſſen aber im Denken beruhe. So könnte man den Schüler auch vor der Gefahr bewahren, durch das äußerliche Objekt, das Buch, von dem innern Objekt, zu dem er zugleich das Subjekt iſt, von der innern An⸗ ſchauung, auf die es hier vor allem ankommt, ungebührlich abgezogen und zu dem dunkeln Glauben verleitet zu werden, es handle ſich hier auch nur um ein Verſtändnis äußerer Dinge, d. h. ſeiner Lehr⸗ buchsparagraphen.§) Die logiſchen Funktionen könnten dabei noch immer geübt werden, und man könnte ſich infolge deſſen durch ein äußerliches Verſtändnis wohl täuſchen laſſen es iſt daher dieſer Gegenſtand kein Eramensſtoff aber die Stärke der innern Anſchauung würde dadurch nicht gefördert werden, und der Unterricht käme um ſeine ſchönſte Frucht. A. H. Niemeyer, deſſen Klarheit und Geſichts⸗ weite§§) das Studium ſeiner Pädagogik noch immer zu einer überaus anregenden macht, entſcheidet die

ſondern das fruher Aufgenommene zu ordnen, mit dem Gegenwärtigen zu verbinden, daraus wieder neue Kombinationen zu gewinnen u. ſ. w., ſowie den Zuſammenhang des Einzelnen mit dem Ganzen des Erlernten klar zu überſchauen; dadurch lernt der Menſch oft erſt erkennen, was ſeinen Anlagen am meiſten entſpricht, und worauf er ſeine Kraft hauptſächlich zu wenden hat.(Die Gewöhnung 2. A. S. 26. Berl. 1884.)

*) Lehrprob. u. Lehrg. V 8. 27.

*n⸗) H. Meier bemerkt im allgemeinen, daß die philoſ. Propäd. den Koncentrationsprozeß zu leiten habe, wenn auch die andern Lehrer in ihren Fächern nach Neigung und Begabung dazu mitwirken mögen.(Lehrprob. u. Lehrg. XI 12.)

4) q. d. O. 31.

*) Das Weſen der Philoſophie im Dienſte der Schule. Progr. Mähriſch Oſtrau 1886.

*) Natürlich nur im pädag. SinneBeiwerk(vergl. öſterr. Inſtrukt. u. Meinong a. a. O. 79).

Tt) Laas:Es wurde dem Gymnaſialunterricht etwas von jenem unglücklichen Aberglauben des Mittelalters erhalten, daß alle Wahrheit ſchon irgendwo in Büchern zu ſinden ſein müſſe(Litt. Nachlaß S. 66). Dieſer Aberglaube verknüpft ſich aber überhaupt leicht mit dem andauernden Buchverkehr, und auch die Realſchulen, für welche Laas in jenem Aufſatze eintritt, ſind ihm wohl nicht viel weniger zugänglich, beſonders ſeit der Verſtärkung des ſprachlichen Unterrichts. Er liegt aber durchaus nicht im Weſem des letztern und wird, je beſſer dieſer iſt, deſto weniger aufkommen können. Zu bekämpfen iſt er aber von allen Seiten.

§) Vergl. J. Bahnſen:Wie in unſerer Zeit auf allen Landſtraßen Touriſten zu finden ſind, die ihre Zeit damit hinbringen, das Geſehene immer nur zu vergleichen mit dem in ihrem Bädeker Beſchriebenen, alſo niemals mit eigenen Augen ſehen: ſo iſt die gewöhnliche ſogenannte Bildung ein bloßes Vergleichen des Erlernten mit dem Geſehenen, oder ſie begnügt ſich gar damit, nur das Reiſehandbuch zu ſtudieren. Und die Schule hätte die Pflicht, durch Erziehung des ſelbſtändigen Denkens, dem Arzte gleich, ſich überflüſſig zu machen.(Beitr. z. Charakt. I 196).

§§) Lehrprob. u. Lehrg. IX 111. H. Schiller, Lehrb. d. Geſch. d. Pädag. S. 3(Leipzig 1887.)