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oberſten Klaſſe nicht überſchreite, 3) die Propädeutik aus andern Lehrgegenſtänden zwar Unterſtützung finde, aber durch jene nicht erſetzt werden könne. Freigegeben iſt der Unterricht, weil die ſchwierige Aufgabe nicht überall gelöſt werden könne.*) In Baiern geſtaltete ſich die Entwickelung der Frage anfangs umgekehrt: während F. A. Wolfs Einfluß in Berlin zu Ungunſten der Propädeutik maßgebend war, bedachten hier Fichtes Freund Niethammer und Hegel die 4 letzten Jahreskurſe des Gym⸗ naſiums mit 4 Stunden Philoſophie(Logik, Kosmologie, natürliche Theologie, Pſychologie, Ethik, Natur⸗ recht); und als Hegel in Preußen für die Propädeutik eintrat, da kam durch Thierſch für Baiern der Humanismus zur höchſten Entfaltung, und Propädeutik als beſonderes Fach wurde geſtrichen und der Lektüre der Klaſſiker, z zu denen auch Ariſtoteles gehörte, überlaſſen(F. Paulſen, Geſch. d. gelehrt. Unterr. 656). Seit 1874 ſtehenL Logik und Pſychologie wieder auf dem Lehrplan, ähnlich wie in Preußen. Öſterreich iſt das klaſſiſche Land der philoſophiſchen Propädeutik. Seit faſt 40 Jahren iſt ſie in den 2 letzten Jahreskurſen mit 2 Stunden bedacht, und es konnte leichter geſchehen, weil, anders als in Deutſchland, die hiſtoriſche Entwicklungs⸗ bahn des Gymnaſiums einmal unterbrochen war. Man verſchmolz es mit dem Lyceum, das vordem vorzugs⸗ weiſe dem mathematiſch⸗naturwiſſ enſchaftlichen und philoſophiſchen Betrieb gedient hatte, und nahm die Propädeutik in vollem Umfang herüber. Der„Organiſationsentwurf“ und die Inſtruktionen, bei deren Abfaſſung Exner und Bonitz mitwirkten, ſind tief und geiſtvoll. Einmal aus der hiſtoriſchen Entwicklungs⸗ bahn getreten, konnte man mit freierer Hand aus dem Vollen wirtſchaften; aber eben deshalb können auch die eifrigſten Vorkämpfer der Propädeutik in Deutſchland ſich nicht auf dieſes Beiſpiel berufen. Sie können auch nicht jenes Wort Goethe's„Amerika, du haſt es beſſer, als unſer Kontinent, der alte“ auf dieſen Fall abändernd anwenden. Denn wenn man auch den Lehrplan in der Abſicht einrichtete, um eine allſeitige Bildung der Seelenkräfte zu erzielen und deshalb an die Stelle dieſes idealen Mittelpunkts keinen phyſiſchen ſetzte(Paulſen a. a. O. 701), ſo zeigten die Verhandlungen der Enquétekommiſſion vom Jahre 1870 doch, daß man bei Verlaſſen der hiſtoriſchen Bahn mit den vollkommenſten Lehrplänen nichts mehr erreicht, wenn nicht die zu ſeiner T Durchführung notwendigen Bedingungen wenigſtens annähernd ſo vollkommen ſind. Heute geht man in Oſterreich mit der Abſicht um, den Unterricht in der Propädeutik einzuſchränken und die gewonnene Zeit den alten Sprachen zuzuwenden, das heißt doch wieder den rein idealen Mittelpunkt aufheben und das klaſſiſche Altertum als phyſiſchen annehmen. Und es ſcheint, daß gerade die Pſychologie von der Einſchränkung betroffen werden möchte, da ſie dann nichts weiter ſein ſoll als pſychologiſche Einleitung zur Logik(Meinong a. a. O. 24). Die Entwicklung des öſterreichiſchen Schulweſens iſt überhaupt ſehr lehrreich, zahlreich und vortrefflich die pädagogiſche Litteratur, beſonders auch auf dem Gebiele der Propädeutik.**) Es iſt der Geiſt Herbarts, der ja auch bei dem Organiſations⸗ entwurf Paten ſtand, in dieſer Fülle von methodologiſchem Scharfſinn bei Umſetzen der Theorie in die Praxis zu ſpüren, derſelbe Geiſt, welcher auch eine neue Bewegung auf dem Gebiet der deutſchen höhern Schulen hervorgerufen hat, und ſich z. B. in den von O. Frick und G. Richter begründeten„Lehrproben und Lehrgängen“ praktiſch bethätigt.
Die Litteratur über die philoſ. Propädeutik iſt mittlerweile ſehr angeſchwollen;***) Einheit der Anſichten iſt aber keineswegs erreicht. Auch in der Pädagogik werden die Entſcheidungsſchlachten nicht
4*) A. Meinong, hält dafür, daß die Schwierigkeit durch eine ausreichende Stundenzahl beſeitigt werden könne, (Über philoſ. Wiſſenſch. und ihre Propädeut. 86. Wien 1883.) und H. Meier erblickt darin einen Widerſpruch, ein Fach nur dann zu betreiben, wenn ein Lehrer dafür da ſei:„entweder iſt es notwendig, dann müſſen Lehrer dafür vorhanden ſein; oder es iſt entbehrlich, dann haben wir keine Veranlaſſung, den Lehrſtoff an den höhern Schulen zu vermehren.“ (Lehrproben und Lehrgänge XI. 12.)
**) Eine ganz vortreffliche Einführung in die propädeutiſche Litteratur Öſterreichs gewähren die mit erſtaunlicher Beleſenheit, liebevollſter Sorgfalt und klarſtem Urteil gearbeiteten Programmabhandlungen von Chevalier(Direktor am Gymn. Prag⸗Neuſtadt): Über den Unterricht in d. philoſ. Propädeutik a. öſterr. Gymn. I—III 1885—87. Auch die deutſche Litteratur iſt ziemlich vollſtändig darin vertreten. Sehr wertvoll iſt A. Höfler, Zur Propädeutikfrage, Wien 1884 u. A. Meinongs oben angeführte Schrift. Vergl. außerdem: O bermann, Über die philoſ. Propädeutik(Wien 1883), im Sinne der Einſchränkung geſchrieben und von Höfler u. Meinong bekämpft.
4) Vergl. u. a. Herbart,„Ueber den Unterricht i. d. Philoſ. auf Gymn. u.„Fragmente.“— H. Kern, Pbilof. Propäd. in Schmids Encyklopädie. L. Wieſe, Philoſ. Propäd. u. d. neue öſterr. Schulplan. Ztſchr. f. Gymn. 1850,
. 211 ff. Das höhere Schulweſen in Preußen. Verordnungen u. Geſetze.— H. Bonitz. Ueber Aenderung d. Gymn. Spel f. Lat. u. philoſ. Propäd. Ztſchr. f. öſterr. Gymn. 1855 S. 349 ff.— Allihn, die neueſten Leiſtungen f. d. philoſ. Propäd. Ztſchr. f. exakt. Philoſ. 1863 S. 91 ff.— H. Brock, die philoſ. Propäd. auf Gymn. Ztſchr. f. exakt. Philoſ. 1866 S. 285 ff.— Th. Vogt, Zur philoſ. Propäd. Itſchr. f. öſterr. Gymn. 1869 S. 26 ff.(Dieſer u. d. vorige Aufſatz beſonders gut zur Einführung.)— Verhandl. d. Direktoren⸗Konferenz: Weſtfalen 1860. Preußen 1871. Rheinland 1881.— 5. Paulſen, über Vergangenheit u. Zukunft d. Philoſ. i. gelehrt. Unterr. Central⸗Organ f. d. Intereſſ. d. Realſch.
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