Aufsatz 
Über die Hindernisse, welche aus der modernen häuslichen Erziehung für einen gedeihlichen Gymnasialunterricht entstehen : Winke für Eltern und deren Stellvertreter / G. Lobe
Entstehung
Einzelbild herunterladen

15

Eltern nicht nach bestimmten Regeln und Grundsätzen verfahren, mehr ihren wechselnden Gefühlen, Trieben und Gemüthsstimmungen folgen und so nicht allein das sittliche Ge- fühl der Kinder in einem gewissen Wogen und Schwanken erhalten, sondern auch das Gefühl der Achtung, welches nur durch ein beharrliches Festhalten an unveränderlichen Gesetzen gesichert werden kann, in den zarten Gemüthern schwächen. Der Mensch, welcher die höchste Bestimmung hat durch die Erkenntniss Gottes in Gehorsam ein freier Herr der Welt zu sein, hört durch den Ungehorsam auf Herr seiner selbst zu sein. Aus dieser unfreien Unterwürfigkeit unter das seiner göttlichen Abstammung fremde Joch, aus dieser Selbstsucht und Selbstqual steigen die Truggestalten und Blendwerke der falschen Freiheit und der Ungebundenheit auf, welche die Gottähnlichkeit und Menschenwürde in die Unabhängigkeit von Gott und Gottesordnung wollen setzen lehren. Der unglück- liche Mensch soll nun aus eigener Erfahrung das Böse kennen lernen, um selbständig und nach eigenem Urtheile das Gute wählen zu können, ohne zu bedenken, dass er nur durch die Liebe Gottes, nur in und durch Gott das Gute lieben und thun kann. Denn ausser Gott gibt es kein Gut, kein wahres, und wo etwas wahrhaft gut ist, da ist es göttlich. Kurz, er weiss und bedenkt nicht, dass er nur frei ist, wenn ihn der Sohn frei macht. Durch diese Freiheit aber herrscht der Wille über die Lüste, der selbstsüch- tige Verstand wird erleuchtet und erkennt den Mittelpunkt seiner Seligkeit und seiner Weisheit. Die Selbstsucht ist in Liebe verklärt. Wollt ihr Eltern also diesen beseli- genden Gehorsam bei Euern Kindern sehen, so geschieht dies freilich nicht allein durch Gesetzeszwang, auch nicht durch Vorpredigen kraftloser Moral, auch nicht durch ploss äusserlich gelernte Glaubensformeln, sondern Ihr müsst eure Lieblinge zu der lebendigen Quelle hinführen und vor allem selbst daraus schöpfen, um eure und ihre Seelen zu la- ben. Nicht zu Automaten wollen wir sie machen, nicht-zerstören das Individuelle, nicht abrichten, nicht mechanischen Gehorsam verlangen, auch nicht selbstgefällig unser Werk bewundern, sondern ein freies, ein ewiges Wesen erziehen zu seiner Freiheit und Glück- seligkeit, zum Gehorsam in dem Herrn.*)

Auch ein lebhaftes Gefühl für Ehre hört man oft unter den Fehlern der heran- reifenden Schuljugend nennen, die sie viel zu wenig in ihrem wahren Wesen und in ihrer wahren Bedeutung kenne und nur zu häufig in ausserwesentlichen Dingen suche, die gewöhnlich aber in der academischen Studienzeit Viele zu beklagenswerthen Ausbrüchen verleite. Die Ehrliebe will wie eine zarte Pflanze gepflegt sein, der Ehrgeiz muss wie ein wucherndes Unkraut ausgerottet werden. Es gibt eine doppelte Unschuld des jugend- lichen Herzens: die Freiheit von den Verführungen der Sinnlichkeit und von den Regun- gen des Hochmuths. Der IIochmuth aber ist selbst ein Kind des Ehrgeizes: ist es nun

*) Siehe Vömel über den Gehorsam. Mende: der Gehorsam. Halle 1840. Ein gediegenes Werk, verdient in aller Eltern Händen zu sein.