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Jugend ist nicht mehr so gehorsam wie sonst! Es mag freilich der Grund davon nicht so fern liegen, als manche glauben. Die Geschichte lehrt, dass alle gewalt- samen Zeitereignisse, je nachdem sie mehr oder weniger in das Familienleben eingriffen, durch dasselbe auch auf die jedesmalige Jugend Einfluss äusserten. So klagt Luther in grellen Schilderungen über den Ungehorsam und die Zuchtlosigkeit der Jugend seiner Zeit; so war der 30jährige Krieg auch nicht geeignet, die Schulzucht zu verbessern, so wie das überhaupt von allen erschitternden Begebenheiten bis auf unsere Tage mit wenig Ausnah- men gelten mag. Und dennoch ist es heilige Pflicht der Eltern und der Schule zu jeder Zeit streng auf Gehorsam zu halten. Da derselbe in der willigen Befolgung alles recht- lich Gebotenen besteht, so muss schon das Kind früh daran gewöhnt werden; es muss geüht werden, seinen Willen dem Gesetz zu unterwerfen und zur deutlichen Erkenntniss kommen, dass jede wahre Freiheit des Menschen nur ihren Weg durch das Gesetz hat. Die Erziehung zum freiwilligen Gehorsam ist höchst wichtig, denn von ihm gilt Göthe's Wort: Ist Gehorsam im Gemüthe, Wird nicht fern die Liebe sein.*)
Auch die Erzielung des unbedingten Gehorsams ist äusserst nothwendig. Der Knabe wird dadurch vorbereitet zur Erfüllung derjenigen Gesetze und Pflichten im Leben, welchen er sich dereinst als Bürger zu unterziehen hat, wenn sie ihm auch nicht gefallen sollten, so wie es denn auch gar Vieles gibt, was er thun muss, ohne dass ihm gerade die Gründe davon zum Verständniss, zur klaren Einsicht gebracht werden können. Indess so nothwen- dig auch der unbedingte Gehorsam für den Knaben schon als Schüler und dereinst als Bür- ger immerhin ist, so darf doch sein Wille nie gebrochen, sondern nur in der Art geleitet werden, dass er den natirlichen Hindernissen weichet. Im ersten Falle würde sich bei dem Knaben nur zu leicht völlige Willenlosigkeit und sclavische, tückische Denkweise ein- stellen, wo hingegen im zweiten Falle sich eine ordnungsmässige Lenksamkeit des Willens herausbildet. Freilich ist auch hier wieder das Beispiel der Eltern von grossem Eiufluss. Sie müssen allewege selbst eine heilige Achtung vor dem Gesetz haben und dieselbe in dem Beisein**) des Kindes bekunden, durch die That bekunden. Wir stossen auch hier im Elternhause auf einen gar wunden Fleck.„Das ist eben das Schlimme, sagt Handel,***) dass
*) Iphigenie von Göthe Act V. Auftr. 3: Von Jagend auf hab' ich gelernt gehorchen, Erst meinen Eltern, dann einer Gottheit, Und folgsam fühlt' ich meine Seele Am schönsten frei.
**)„Mehr als die Erwachsenen glauben, sagt Bechstein, beobachtet sie mit scharfem Blick das jJugendliche Alter, und wird entweder zum Verräther, oder zum Nachahmer der erspäheten Thorheiten.“
**ιℳ) Kinder-Seelenlehre. Meissen 1831.


