13
der Griechen und Römer, liesse sich diese Wahrheit historisch bestätigen. Immer und überall ist schon die sittliche Revolution im Innern der Familie vorangegangen, ehe die allgemeine Anarchie öffentlich zum Ausbruch kommt, die Länder verwirrt und die Ord- nung der Staaten erschüttert. Wenn erst alle wesentlichen Fugen am ganzen Gebäude auseinandergegangen, alle die zusammenhaltenden Bande bis tief unten auf die Fundamente herab aufgelöst sind: so kann alsdann der erste Sturm des Zufalls das ganze Gebäude leicht erschüttern, oder durch den ersten besten Brennstoff in Flammen setzen. Daher denn der Grundsatz:„Verfault Hausregiment, verfault Staatsregiment, verfault Rom, ver- fault Griechenland“ nicht bloss ein Gesetz für die Veränderung der Staaten, sondern auch zugleich eins für das ganze Erziehungswesen darstellt.
Unter den Hauptvorwürfen nun, welche der heutigen Schuljugend von verschiede- nen Seiten her gemacht werden— ob mit Recht oder Unrecht, ob wahr oder falsch und übertrieben, das wird sich im weiteren Verlauf dieser Zeilen hinlänglich herausstellen— und deren Quelle zumeist in der häuslichen Erziehung aufzusuchen ist, welche stets am meisten in Betracht kommt, wenn von einer sinkenden Wirksamkeit der Gymnasien in unsern Tagen die Rede ist, wird besonders hervorgehoben das Streben nach nur zu oft missverstandener Freiheit, nach verkehrter Selbständigkeit in Jahren, wo man nicht selbständig sein kann; sie kann daher durch nichts mehr aufgeregt werden, als wenn irgend eine Beschränkung eingeführt, oder die Gesetze*) in ihrer ganzen Strenge gehandhabt werden und Verschmitztheit, Lug und Trug,**) ja Ungehorsam nehmen gewöhnlich in dem Grade zu, als sie beschränkt wird. Dann ertönen Klagen von allen Seiten: Die
*) Dass die Schulzucht, sagt Döderlein, die Freiheit der Jugend beschränkt, wollen wir kei- nen Hehl haben; die Geschichte erzählt von keinem Mann, der schon in der Bildungszeit alles Kkonnte und durfte, was er wollte.
**) Vortrefflich spricht sich darüber Eckermann in seiner weiter unten angegebenen Schrift aus: „Die wahre Belebung, Kräftigung und Regelung des Wahrheitssinnes, der Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit sind für die spätere Charakterbildung des Kindes von so hoher Wichtig- keit als die Bildung und Erstarkung des Gefühls der Achtung. Wahrheitssinn ist die Grund- lage aller Sittlichkeit wie der Lügengeist der Erbfeind aller Moralität ist. Wie früh schleicht sich jener höllische Geist der Unwahrheit und der Lüge in des Kindes zarte Brust ein, und ſest begründet er darin seine verderbliche Herrschaft durch Einflüsse von Aussen. Der Gift- hauch der Lüge umspielt im Elternhause, wie in der sonstigen Umgebung des Kindes, dessen empfängliche Seele, und verpestet und entzieht ihr so frühzeitig das Liebste, das Beste und Heiligste, den Geist der Wahrheit, den heiligen Geist! Welcher Vater, welche Mutter hat fortwährend im Sinne, dass die Sprache der reine Ausdruck der Gesinnung sein soll! Im Scherz und Ernste redet man oft in Gegenwart der Kinder Unwahrheiten, ja man macht sie nicht selten unüberlegt zu Trägern von Geheimnissen und untergräbt auf diese Weise den Wahrheitssinn derselben noch mehr. So treten viele in das conventionelle Leben und finden es— mit Täuschungen und Unwahrheiten durchwoben!“


