Aufsatz 
Über die Hindernisse, welche aus der modernen häuslichen Erziehung für einen gedeihlichen Gymnasialunterricht entstehen : Winke für Eltern und deren Stellvertreter / G. Lobe
Entstehung
Einzelbild herunterladen

6

ganz ausreichend ist, sondern dass er auch den Geist und die Bildung der neuern vor- züglichern Völker kennen und in sich aufnehmen müsse, und ein klares, offenes Auge habe für die Regungen der Gegenwart. Lehrbücher und Methoden, fern von geisttödten- dem Mechanismus und Pedantismus früherer Zeiten tragen heute eine grössere Intensität, Geistigkeit und Praktik in sich. Die Auswahl und Anordnung der Schriftsteller, welche gelesen werden, in Ausgaben, welche an Zweckmässigkeit und Brauchbarkeit täglich mehr zunehmen, tritt gesichteter, bestimmter und unangefochtener hervor. Auch ist nicht in Abrede zu stellen, dass durch den nitzlichen und vielfältig belehrenden Programmen- Austausch, der zu einem umfangreichern Ideen-Austausch wird, und durch die jährlichen Philologen-Versammlungen, welche das geistige und persönliche Interesse der deutschen Lehrer unter sich in einem hohen Grade fördern, mehr Einigkeit und Ubereinstimmung in die Lehr- und Lectionsplane, überhaupt in das gesammte deutsche Gelehrtenschulwesen, bereits gekommen ist und noch kommt. Was ferner die äussere Stellung und Lage der Lehrer an Gymnasien anlangt, so ist auch diese gegen sonst eine bessere und erträglichere geworden; und vertrauensvoll dürfen sie einer noch glücklichern Zukunft entgegen sehen, da die deutschen Bildungsanstalten mehr als je ein Gegenstand der ungetheilten Aufmerk- samkeit der Staatsbehörden geworden sind, als des Einen was freilich zu jeder Zeit, aber vorzugsweise in der gegenwärtigen, der religiösen Zwietracht und Zerrissenheit, Noth thut. Wenn es nun auch nicht rathsam ist, dass der Schulmann dem Farbenwechsel, der Parteienwuth und dem Gewirre der Meinungen des Tages huldige, so gönnen ihm doch die Staatsbehörden eine feste, freudige, freie Gesinnung und Denkweise, die sich als Aus- beute eines fruchtbaren Studiums wissenschaftlicher Schätze bewähren; sie verlangen nicht, dass derjenige, welcher die Flüsse der Weisheit, Kunst und Anmuth über die junge Saat fortschreitender Menschheit leiten soll, an ihnen selbst seine Lippen nicht netze. Sie erkennen es die aufgeklärten und wohlmeinenden Regierungen, dass der Standpunkt des heutigen Schulmannes ein anderer ist als dessen vor fünfzig Jahren; sie sehen besser als irgend Jemand es ein, dass wer gegenwärtig nicht selbst die Augen aufgethan hat über das Leben, sie auch andern für das Leben nicht aufzuschliessen vermöge.*)

*) Für das eben Ausgesprochene hat sich neuerdings, wenn nicht zahireiche Thatsachen laut sprächen, auch eine ausländische Autorität, Ingerslev, ein dänischer Gelehrter, hören lassen. Er bemerkt unter anderem über das deutsche Gelehrtenschulwesen wie foigt:Durch die Ver- ordnungen und Schreiben der Regierungen an die Directoren und Lehrer gewahrt man nicht ohne Freude den Ton. Üperall sieht man neben einer wirksamen, und wo es nöthig, kräf- tigen und entscheidenden Sorge selbst für das Einzelne, einen Ausdruck des Wohlwollens, des Vertrauens und der Achtung, der nicht anders als in mehrfacher Hinsicht wohlthätig wirken kann und der Wirksamkeit der Behörde weit mehr das Gepräge einer ermunternden und leitenden als einer befehlenden und zwingenden gibt. Diese Achtung der Regierung für die Schule steht im Einklang mit der allgemeinen Meinung. Das Unterrichtswesen wird