Die gesta gehen hierauf zur Erzählung der Belagerung von Tortona über, die bis ins einzelne ausgeführt wird. Offenbar liegen hier unserer Quelle Mitteilungen von Augenzeugen zu Grunde. Dafür spricht auch wohl der Umstand, dass vornehme deutsche milites, die im Laufe der Belagerung fielen, ausdrücklich mit Namen genannt werden ¹).
Widersprüche zwischen dem Briefe Friedrichs und den gesta sind hier nicht festzu- stellen. Ebenso sucht man, soweit ich sehen kann, vergebens in der Schilderung der Be- lagerung von Tortona bei Otto nach Thatsachen, die andere gleichzeitige Geschichtschreiber aus Rücksicht auf den Kaiser unterdrückt hätten.
Doch möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass die Mönche von Tortona in der Rede, die ihnen Otto von Freising in den Mund legt), den deutschen König der Ungerechtigkeit, beschuldigen. Sie werfen ihm vor, er habe bei der Beurteilung des Streites zwischen Pavia und Tortona ausser Acht gelassen, dass die Pavesen Tortona mit ähnlichen Gewaltthätig- keiten bedroht, wie sie Mailand an Komo ausgeübt hätte3²). Weiter unten wird dann der deutsche König mit nackten Worten der Parteilichkeit geziehen*).
Dürfen wir nun nicht vielleicht aus jenen Kusserungen, die der Freisinger Bischof die Tortonesische Geistlichkeit thun lässt, einen in eine wenig verletzende Form gekleideten Tadel herauslesen, den unser Schriftsteller an dem Verhalten des Königs in dem Streite zwischen Pavia und Tortona übt?
Während wir nun bisher in unserer Betrachtung wiederholt in der Lage waren fest- zustellen, dass die gesta in wichtigen Punkten sich in Widerspruch mit ihrer Vorlage setzten, dass ausserdem Otto Thatsachen ergänzend mitteilt, die eine weniger unabhängige Persön- lichkeit verschwiegen hätte, machen wir bezüglich der nächsten Abschnitte der gesta gerade die entgegengesetzte Erfahrung.
So findet sich Otto nicht veranlasst, im Gegensatz zu seiner ausführlichen und seiner Vorlage in wesentlichen Punkten widersprechenden Darstellung der Kämpfe in der Poebene über die Verhandlungen zwischen König und Papst, die der Krönung vorangingen, sich ein- gehender auszusprechen. Weder die gesta noch ihre Vorlage, der Brief des Kaisers, verraten uns auch nur mit einem Worte, dass bei der Begegnung zwischen Friedrich I. und Hadrian IV. der alte Gegensatz zwischen regnum und sacerdotium wieder grell zur Erscheinung ge- kommen ist.
Wie im Kapitel 20, so hält sich dann auch im Kapitel 21 und 22 Ottos Darstellung durchweg an ihre Vorlage. Die eingehende Schilderung der Kämpfe zwischen Römern und Deutschen in den gesta dürfte wohl auf Berichte von Augenzeugen zurückzuführen sein. Wie wäre sonst Otto von Freising in der Lage gewesen, uns genaue Nachrichten über die Ver- luste der Römer zu überliefern? ⁵)
Einer Besprechung des ersten Abschnitts des folgenden Kapitels, des 23., bedarf es nicht, da hier wesentliche Abweichungen der gesta von dem Briefe Friedrichs nicht zu be- merken sind.
1) a. a. 0. p. 400. Cap. 16...... ex nostris duo nobiles iuvenes, Kadolus ex Baioaria et Johannes de Saxonia,— necantur.— 2) UÜber die Bedeutung dieser Rede of. Grotefend. a. a. O. p. 57.— 3) a. a. O. p. 402. Cap. 18. Commenta Papiae luis Terdona, non tua delicta. Accusas de malefactis Papia Terdonam, cum tu si comparationem dissimilitudo qualitatum admittit, peius feceris.— weiter unten: Sensi rem meam, inquit Ter- dona, agi, dum paries proximus, Limellum dico, arderet, sub Mediolani confugi alas. Mediolanum iudicas, quod
Cumas legitima occasione destruxerit. Te ipsam non respicis, quae Limellum— ad solum usque sine causa pro- sternere non timueris.— 4) a. a. O. Iudicetur igitur a iusto rerum arbitrio aequa lance primo Ticinum, eiusque exemplo caeterarum Italiae urbium corrigantur excessus.— 5) a. a. O. p. 407. Cap. 22. Caesi fuerunt ibi vel
in Tyberi mersi pene mille, capti ferme ducenti, sautiati innumeri, caeteri in fugam versi.


