Aufsatz 
Zur Kritik des II. Buches der Gesta Friderici von Otto von Freising / von Karl Lindt
Entstehung
Einzelbild herunterladen

7

Tritt nun bei Otto von Freising, so lange neben dem König noch der Papst im Mittel- punkt der Darstellung stand, keine starke Differenz seiner Vorlage gegenüber zu Tage, so scheint der Schriftsteller jetzt die Zurückhaltung, die er vom 20. Kapitel an in seiner Dar- stellung beobachtet hatte, abgelegt und seine bereits früher bewiesene Unabhängigkeit von seiner Vorlage wieder gewonnen zu haben.

Dies dürfte sich aus der Schilderung der Eroberung von Spoleto in den gesta er- weisen lassen. Der Brief berichtet in knappen Worten von dem Sturm auf das wider- spenstige Spoleto und der Zerstörung der festen Stadt¹). Weit ausführlicher behandeln die gesta Friderici diesen Vorgang.

Wem fällt aber nicht in dem Abschnitt der gesta, der den Sturm auf Spoleto erzählt ²), auf, dass der Kaiser sich bei jenem Gefecht persönlich in hohem Grade exponierte, dass er beim Strassenkampf unter den Vordersten focht? Abgesehen von der Schlacht bei Legnano hat Barbarossa, soweit ich sehen kann, sonst auf keinem Romzug die Pflichten des Feldherrn hintenangesetzt und ohne Rücksicht auf die drohenden Gefahren sich wie der geringste seiner milites ins Handgemenge gestürzt.

Welcher dringende Grund hat nun den Kaiser veranlasst, seine Person den Geschossen der Feinde mehr als notwendig auszusetzen? Vergegenwärtigen wir uns, um diese Frage zu beantworten, die Lage Friedrichs, als er gegen Spoleto heranzog.

Bis dahin war es ihm auf seinem Romzuge nicht gelungen, einen durchschlagenden Erfolg davonzutragen. Er hatte dank seiner geringen Heeresmacht Abstand nehmen müssen, den Trotz des waffenstarken Mailand zu brechen. Den Römern hatte er wohl eine Nieder- lage beigebracht; aber dieser Schlag hatte ihren Mut nicht gebeugt, sie waren wohl besiegt, aber nicht überwunden. Diese Misserfolge des Kaisers erklären uns auch, dass die Spoletaner nicht davor zurückscheuten, den deutschen milites im offenen Felde entgegen- zutreten.

In dieser äusserst peinlichen Lage bedurfte nun der Kaiser unter allen Umständen eines grossen kriegerischen Erfolgs, und deswegen hat er denn auch bei dem Sturm auf Spoleto die Zurückhaltung sich nicht auferlegt, die der Feldherr, der Leiter der Schlacht, jederzeit beobachten soll.

Angesichts dieser Erwägungen verstehen wir es auch, wenn der Brief Friedrichs, der die Kämpfe in Rom einer eingehenden Betrachtung unterzieht, die Einzelheiten des Sturmes auf Spoleto unterdrückt.

Da die nächsten Kapitel sie erzählen die Verhandlungen des Kaisers mit der griechischen Gesandtschaft, von dem Scheitern seines Planes in Apulien einzufallen und von dem Kampfe in der Veroneser Klause zu Bemerkungen keinen Anlass bieten, so eile ich zum Schlusse.

1) a. a. O. p. 348. Inde venimus Spoletum, et quia rebellis erat assultum ad civitatem fecimus.

...... munitissimam civitatem, quae pene centum turres habebat, vi cepimus et funditus eam destru- ximus. 2) a. a. O. p. 408. Cap. 23. Nullus in illa concertatione privatus principe strenuior, nullus nec gregarius miles ad sumenda arma promptior......... ipse non solum suos ad assultum adhortatione

urgebat verum etiam aliis exempla praebebat, et non sine maximo periculo montem in propria persona ascen- dens, eamque irrupit.