Aufsatz 
Über einige weibliche Charaktere in Schillers Dramen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

entfentes Gewiſſen aus.*) Ungehörig iſt daher die Zuſammenſtellung Marias mit der Lady Milfort, wenn dieſelbe zuruͤckreichen ſoll uͤber den allerdings lobenswerthen Rücktritt der letztern. Denn daß Schiller die Milfort in ibrem früheren Leben als ein achtungswerthes, hohes Weib habe zeichnen und den Stand einer Maitreſſe nur auf äußere Ehre habe beziehen wollen,**) alſo wie Iffland etwa ſieder Bewunderung für werth erachtet habe, obſchon ſie ſich der Schande preisgegeben, weil es in der Ab⸗ ſicht geſchehen ſei, das Land von den Bedrückungen zu befreien, 8**) das kann bei Schiller wohl nicht zutreffen, der nirgends dem unmoraliſchen Grundſatze gebuldigt bat, daß der Zweck das Mittel heilige..

Leonore im Fiesko endlich ſoll ganz auf der Scheidelinie der ſentimenta⸗ len und heroiſchen Frauen ſchwanken. Unbekannt mit Fieskos Plänen, wird ſie, irre⸗ gefhrt durch die täuſchendſten Anzeichen von ſeiner ſträflichen Hinneigung zu Julia, von der quälendſten Eiferſucht gefoltert. Ihre Auslaſſungen darüber ſind aber nichts weiter als tiefſchmerzlich und der kränkenden Schamloſigkeit gegenüber würdevoll. Dem brutalen, kaum der niedrigſten Dirne entſprechenden Benehmen Julias begegnet ſie an⸗ fangs zu zart und artig; den ſtolzen Hohn, zu dem ſie ſich ſpäter hinreißen läßt, muß ſie durch die ihr vorgehaltene Silhouette Fieskos büßen, vor der ſie zerſchmettert nie⸗ derſinkt. Edler Stolz wird dem Wüſtlinge Kalkagno. Bei der falſchen Nachricht von Fieskos Ermordung kehrt ihre ganze Liebe zu ihm zurück. In der Unterredung mit Fiesko ſchlagen alle Saiten ihres unſchuldig gekränkten Herzens an und geben, wie die Verſtimmung ſo gern an allen, ſelbſt verſöhnenden Banden zerrt, um im Rechte des Mißverſtändniſſes und ſelbſtgeſchaffner Qual verharren zu können, eine Disharmonie von ſtolzer Reſignation, matter Betrübniß, eitler Coquetterie und kränkender Bitterkeit, bis die Worte:Meine Leonore! nein! ſie zur Beſinnung bringen. Schön zeigt ſie ſich wieder als Zeugin des ärgerlichen Auftrittes zwiſchen Fiesko und Julia, voll ed⸗ len Mitleids nämlich. In Fiescos Pläne vollſtändig eingeweiht, überfällt ſie eine na⸗ menloſe Angſt; ſie ſucht ihn von dieſem gefährlichen Wege abzubringen und bietet ihm

*) Vergl. Palleske a. a. O. II, p. 252.

**) Hoffmeiſter a. a. O. I, p. 195; IV, p. 257. Selbſt bei der viel reineren Zeich⸗ nung der Sorel, der Geliebten Carls in der Jungfrau von Orleans, finde ich dieſe Abſicht nicht, wenn auch Schlaglichter einzelner Tugenden bei beiden hie und da ihre Fehler decken.

***) Schiller⸗Buch p. 206, 207. Uebrigens hatte ſie daran damals, als ſie der Sünde anheimfiel, nicht gedacht, ſondern erſt ſpäterin einer Stunde der Leidenſchaft den fürſtlichen Eid zu dieſem Zwecke ſich geben laſſen.(II, 2).