Aufsatz 
Über einige weibliche Charaktere in Schillers Dramen
Entstehung
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22 dafür in natürlich herzlicher Weiſe ihre Liebe. Daß ſie zuletzt in Manneskleidern ſich in den Waffentumult ſtürzt, iſt eben ſo wenig wie bei Bertha im Fiesko Heroismus.

Amalie alſo und Luiſe, bei beiden einHangen und Bangen in ſchwebender Pein, gehören unſtreitig zu der Gattung der falſchen Sentimentalität. Die Gräfin Wallenſtein, nichts weiter als ein zu häuslichem Leiden verfeimtes, ſchwaches Weib, und Beatrice, faſt nur ein einziges verkörpertes Gefühl, ſind in ihren begründeten, nicht zu tief gebaltenen Klagetönen dahin, jene gewiß nicht, dieſe kaum zu rechnen. Thekla entſchiedenen Willens, aber in ihrer Thatkraft behindert, hat nichts von krankhafter Ue⸗ berſpannung; alles an ihr iſt blühende Jugendfriſche ohne die geringſte Spur von auf⸗ getragener Schminke. Auch Maria Stuart iſt faſt durchweg als ſtarke Seele gezeich⸗ net. Leonore, zwiſchen Eiferſucht und Liebe hin und her getrieben, und Bertha im Fiesko, im Heiligſten beleidigt, ſind in allem, was ſie reden und thun, eben ſo weit von Heroismus als von Empfindelei entfernt. Hedwig vertritt, unbeirrt durch alles, das rein ſittliche und religiöſe Princip in weiblich milder zwar, doch keineswegs weich⸗ licher und ſchwärmender Weiſe. Bertha im Tell ordnet ruhig und feſt ihre reine Liebe einem höheren Ziele unter ohne eine Spur von Ueberſpannung. Was aber im⸗ mer im ganzen oder einzelnen von zu weit geſteigertem Gefühle vorkommt, vom unſitt⸗ lich Häßlichen hat Schiller alle frei gehalten.

Lilienthal.