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etwas heidniſches, und er habe eine ihm widerſtrebende Religionsform in dieſem Drama mit einer augenſcheinlichen poetiſchen Vorliebe geſchildert, wenn er dieſes auch nur durch eine Illufion erreiche, indem er bei Darſtellung des katholiſchen Cultus eigentlich den antikheidniſchen im Sinne habe oder wenigſtens als leitende Idee gebrauche. Morti⸗ mers Mittheilung von dem über ſie gefällten Urtheile, ſowie ſeine zuverſichtliche Hoff⸗ nung auf ihre Befreiung ſtören weder ihre Faſſung noch ihre Beſonnenheit. Und als Burgleigh ſie officiell mit dem Todesurtheile bekannt macht, vertheidigt ſie mit Wuͤrde ihr Recht und in einer Weiſe, daß er ſelbſt als Schächer neben ihr ſteht und ihr Be⸗ nehmen ſogar Trotz nennt. Endlich nach jahrelanger Haft ins Freie tretend, überläßt ſie ſich wie ein Kind der Freude am Anblicke der Natur, aber auch deshalb, weil ſie in dieſer Gewährung mit Sicherheit ihre nahe Befreiung ahnt. Ihre Worte ſind wie ihre augenblickliche Seelenſtimmung lyriſch, doch ohne Schwärmerei, wiewohl Kennedey, welche dieſe Hoffnung nicht theilt, ſondern„den Kerker nur um ein klein Weniges er⸗ weitert“ ſieht, meint, daß ſie außer ſich ſei, daß ſie ſchwärme. Oder ſchwärmt Iphi⸗ genie auf Tauris, als ſie am Morgen hinaustritt und ihr Herz ſich in die Erinnerung an die Heimath ergießt? Schwärmt Melchthal, der thatkräftig vorſchreitende Juͤng⸗ ling, als er, das Entſetzliche, die Blendung des Vaters, erfahrend, ſeinen Schmerz in die Worte ausſtrömen läßt:„O, eine edle Himmelsgabe iſt das Licht des Auges u. ſ. w.?“ Bei der Unterredung mit Eliſabeth weiß ſich Maria lange zu mäßigen und zu beherr⸗ ſchen, bis ſie, aufs ſchmachvollſte gekränkt, zuletzt ſich vergißt und rückſichtslos bitter und rachedürſtend ſich äußert. Nicht ſo vergißt ſie ſich und ihre Würde, auch nicht ei⸗ nen Augenblick, bei den maßloſen Eröffnungen des lieberaſenden Mortimer. Auch in ihren letzten Stunden bleibt ſie voll Würde und Hoheit ohne Klage, ohne Jammer, ohne Vorwurf; nur als Leiceſter erſcheint, kommt ſie bei der Rückerinnerung an ſeine Liebe für einen Augenblick aus dem durch die Gnadenmittel(nicht Ceremonien)*) der Kirche gewonnenen Seelenfrieden und macht ihm Vorwürfe wegen ſeines Verrathes. Dieſe beiden Augenblicke ausgenommen, erſcheint Maria durchaus„als eine liebenswür⸗ dige, edle Frau, welche ſich durch die fromme Ergebung, womit ſie ihre Leiden erträgt und dem Tode entgegengeht, zu ihrer urſprünglichen Unſchuld läutert.“ In Maria Stuart, wie in der Thekla und Hedwig, ſpricht ſich Schillers reines von allen Parteien
noch mehr Daumer, der(Aus der Manſarde, 1862 6. Heft. Vorrede p. V) Schärie innerſtem Weſen ſogar gläubiges Chriſtenthum und Katholicismus erkennen will.
*) Hoffmeiſter a. a. O. IV, p. 273.


