in dem moraliſch ſchwachen Monologe nicht gerechtfertigt iſt.*) Nothwehr hätte ein⸗ treten können ſtatt des Apfelſchuſſes dann, wenn Geßler ſeine Drohung:„Du ſchießeſt oder ſtirbſt mit deinem Knaben!“ wirklich hätte ausführen wollen. Dann wäre die Töd⸗ tung gerechtfertigt geweſen. Hier dagegen war außer dem Angriffe auf den Wehrloſen, und daß Tell der Entſcheidung des Kaiſers, von dem er ſelber ſagt:„Doch nicht der Kaiſer hätte ſich erlaubt, was du,“ vorgriff, ſogar die bezweckte Rettung keineswegs unzweifelhaft; denn ob die Schweizer ſich wirklich erheben, namentlich aber, ob die Er⸗ hebung einen glücklichen Erfolg haben würde, das konnte Tell nicht vorausſehen; ein ungünſtiger Ausgang aber mußte ſeine und der Seinigen Lage ſelbſt dem gerechten Kaiſer gegenüber zu einer verlorenen machen.
Maria Stuart hält ſich dem in Sprache und Benehmen rohen und bruta⸗ len, in religiöbſem Fanatismus verhärteten Paulet gegenüber in Ernſt und Würde. Dieſe erniedrigende Behandlung ruft aber in ihrer Seele die Erinnerung an Darnleys Ermor⸗ dung wach, ſo daß ſie voll Reue und Schmerz in tiefe Mißſtimmung und Schwäche verſinkt, ſogar trotz genügender Reue und Beſſerung die genügende Ruhe nicht finden kann. Freilich kommt dieſes auf Rechnung von Schillers irriger Anſicht vom Bußſacramente; läßt er doch ſpäter den Mortimer ſogar ſagen, ein Prieſter habe in der Beichte ihm und den andern Verſchwornen Abſolution im voraus ertheilt für alle Sünden, die ſie ſpäter begehen würden, und in ähnlicher Unkenntniß den Prieſter Melvil den Wein con⸗ ſecriren ohne Meßopfer; wie Schiller denn überhaupt in Bezug auf religiöſe Bekennt⸗ niſſe, ſelbſt ohne ein ſolches, zu gleichgiltig verfährt. Ausdrücke wie die Marias:„Es leben Götter, die den Hochmuth rächen,“ eben nicht ſelten in ſeinen Werken, befremden kaum, weil das Anrufen der antiken Götter, und was dahin gehört, ſeit dem Wieder⸗ aufleben der alten Literatur Phraſe geworden,**) und weil Schiller die antike My⸗ thologie, ſowie auch den Cultus der katholiſchen Kirche nur als poetiſches Material benutzt, bis zur ſtörenden Verwirrung ſogar in der Braut von Meſſina. Mit halbem Rechte wenigſtens bemerkt daher Hoffmeiſter,***) Schillers Perſonen hätten durchweg
*) Palleske(a. a. O. II, p. 575) behauptet zwar:„Tell denkt gar nicht an einen ſittlichen Zweifel uͤber ſeine That. Der ganze Monolog heißt in die gemeine Na⸗ tur überſetzt: Er muß daran, ohne Gnade, mir bleibt nichts übrig, ich bin ſonſt ein friedfertiger Kerl, aber der Hund treibt mich dazu. Ich ſchieß ihn nieder mit Wonne;“ allein das iſt der Tell der Sage, nicht der des Dichters, deſſen Selbſt⸗
ggeſpräch entweder eine Rechtfertigung ſein ſoll oder ohne alle Bedeutung iſt.
**) Man denke an Shakſpeare, namentliſch im König Leare.— *am) a. a. O. V, p. 120; IV, p. 268. Dagegen irrt Palleske(a. a. O. I, p. 5) recht ſehr in ſeiner Behauptung, daß der Katholik in ihm ſein Rom finde, und 2*✕


