Daß die Liebe der Eltern zu dem Kinde naturgemäß ſtärker ſei als die gegen⸗ ſeitige des Kindes, iſt eine Thatſache, die des Nachweiſes aller auf der Hand liegen⸗ den Gruünde ſchwerlich bedarf; ſo daß ſelbſt die ſchöne Antwort eines Großvaters auf die Frage:„Wie halten dich deine Kinder?“—„Wie ihre eignen Kinder!“ nicht zu den alltäglichen gehört. Wenn aber das Kind in den Jahren der Hilfloſigkeit vorzugs⸗ weiſe der Mutter Angſt und Sorge iſt; wenn ferner das Weib den Abſchluß ſeiner irdiſchen Beſtimmung erſt in den Kindern findet, während der Mann in noch anderen wichtigen Beziehungen zu der Welt ſteht: dann begreift man auch, daß in jedem echt weiblichen Herzen die Liebe zum Manne durch die Liebe zu den Kindern überwogen wird. Es giebt uüͤberhaupt keine Liebe in der Welt, die mit wahrer Mutterliebe ſich vergleichen ließe.
„Ich hab euch beide, beide!
Und heut kommt der liebe Vater wieder.“ Liegt es in der Natur des Mannes, daß Tell bei ſeiner Rückkehr an den beiden Kna⸗ ben, die ihm:„Der Vater! Da biſt du wieder! Vater, lieber Vater!“ entgegenrufen, mit den Worten vorübergeht:„Da bin ich wieder. Wo iſt eure Mutter?“ ſo bekun⸗ det ſich Hedwigs Mutterherz gerade dadurch, daß ſie in den Edelhof des Freiherrn mit den Worten ſtürzt:
„Wo iſt mein Kind? Laßt mich, ich muß es ſehen.“ Eben ſo wenig iſt es unnatürlich*), allenfalls, weil öffentlich ausgeſprochen, zu tadeln, daß ſie bei dem Anblicke des Knaben in die Worte ausbricht:
„Und es iſt möglich? Konnt er auf dich zielen? u. ſ. w.,“ und gewiß ſehr wahr, als ſie ihrem Vater Walther Fürſt, der ſie an die Angſt erinnert, mit welcher Tell es gethan, erwidert:
„O hätt er eines Vaters Herz, eh ers
Gethan, er wäre tauſendmal geſtorben!“ Nach alle dem ſcheint mir Hoffmeiſters Frage,**) ob es nicht mehr im Geiſte der Zeit und des Volkes geweſen wäre, dem Helden eine Hausfrau wie die Eliſabeth des Götz von Berlichingen beizugeſellen, ſchwerlich bejaht werden zu können; denn wie dem Geiſte jener Zeit und jenes Volkes die Wahl eines Weibes von ſo klarem Verſtande, von ſo edlem Herzen und reinem, feſtem Willen nicht entſprechen ſollte, iſt unbegreiflich. Man
*) Hoffmeiſter a. a. O. V, p. 189, 190. **) a. a. O. V, p. 172.


