Aufsatz 
Über einige weibliche Charaktere in Schillers Dramen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Der Tell noch frei war, ja! da war noch Hoffnung, Da hatte noch die Unſchuld einen Freund,

Da hatte einen Helfer der Verfolgte,

Euch alle rettete der Tell. Ihr alle

Zuſammen könnt nicht ſeine Feſſeln löſen!

Iſt in ſolcher Liebe, die uͤberall auf dem handgreiflichſten, wahrſten Leben fußt, in der keine üͤberſpannte Aufregung, kein kränkelndes Gefühl ſich findet, auch nur eine Spur von falſcher Sentimentalität?

Es iſt unſtreitig in der wortkargen, ſchweigſamen Natur Tells begründet, daß er ſeine Gattin nicht zur Mitwiſſerin davon macht, daß Pläne zur Abſchüttelung des verhaßten Joches geſchmiedet werden; doch, davon abgeſehen, wird ihm von Seiten Hed⸗ wigs, die alles außerhaͤusliche vertrauensvoll dem Manne überläßt, auch keine Auffor⸗ derung zu ſolchen Mittheilungen. Ueber die ihr gewordene Kunde von der auf dem Rütli gepflogenen Verabredung ſpricht ſie nur, weil ihr beſondere Gefahr für Tell da⸗ raus zu erwachſen ſcheint:

Es ſpinnt ſich etwas Gegen die Vögte auf dem Rütli ward Getagt, ich weiß, und du biſt auch im Bunde.

Iſt aber dieſes Schweigen nicht etwa nur Folge ihrer geiſtigen Befangenheit? Wenn es überhaupt bedenklich erſcheint, aus vielem Reden über alles auf gediegenes Urtheil und Wiſſen ſchließen zu wollen, ſo gilt dies namentlich von Frauen. Ihre geiſtige Tüch⸗ tigkeit tritt beſſer durch jene vielleicht ſeltneren, aber zur rechten Zeit zutreffenden Ur⸗ theile zu Tage, die durch die einfachſte Anreihung von Urſache und Wirkung, Grund und Folge überraſchen. Ueberdies iſt des Weibes recht eigentliches Gebiet das des ſitt⸗ lich Schönen. Dort mag ſie, wie es durch die hohe Idee in Göthes Taſſo ſo un⸗ übertroffen dargelegt iſt, ihr Urtheil über das abgeben, was ſich ziemt; und ihr Geiſt wird um ſo ſchöner ſich bekunden, je einfacher und prunkloſer ſie, ohne Scharfſinn zur Schau zu tragen, die auf dieſem Gebiete in Gegenſatz tretenden Fragen löſt.Ich un⸗ terſuche nicht, ich fühle nur, entgegnet Iphigenie dem Pylades.*) Wo nänlich ein ungetrübtes, nicht ſchwankendes Gefühl für reine Sittlichkeit die Seele fuͤllt, da erſcheint

*) Shakſpeares(Die beiden Veroneſer I, 2.): Kein andrer iſts als eines Weibes Grund; Er ſcheint mir ſo, nur weil er mir ſo ſcheint hat Bedeutung auch in dieſem Sinne.