Aufsatz 
Über einige weibliche Charaktere in Schillers Dramen
Entstehung
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ſtehe ihn nicht, ſo kann das wohl nur heißen, daß ſie Tells Verwegenheit nicht billigt; und darin hatte ſie Recht. Das iſt ferner der Grund, weshalb ſie ihn bittet, fern zu bleiben von jeder Berührung mit dem Landvogte, und daß ſie, als ſie hört, wie der Vogt auf dem engen Felſenpfade am Rande des Abgrundes vor ihm gezittert, ihn lieber der kleineren Gefahr auf der Jagd als einem Zuſammentreffen mit jenem aus⸗ geſetzt ſehen mag*).Durch dieſe Gefühligkeit(gerechtfertigte Beſorgniß?), bemerkt Hoffmeiſter**) richtig,iſt ihre ſchlimme Vorahnung begründet, als Tell mit der Arm⸗ bruſt und in Begleitung des Knaben nach Altdorf gehen will; und es liegt am Tage, daß der Dichter hiedurch das Gemüth des Leſers auf das Kommende vorbereiten und ſpannen wollte. Aber das Grauen, welches ihre Seele in der Nähe des als Mönch verkleideten Parricida aufregt und ſie nichts gutes ahnen läßt, iſt, wenn nicht vielleicht die den Frauen mehr als den Männern einwohnende Beurtheilungsgabe fremder Indi⸗ vidualitäten in Rechnung gebracht werden ſoll, nicht ſowohl ihre eigenthümliche Gefühls⸗ auffaſſung***) als vielmehr das Ergebniß der düſtern Worte und des geheimnißvollen Benehmens deſſelben, wodurch jeder zu banger Ahnung hätte geführt werden müſſen.)

Dieſe Verſtändigkeit aber wohnt in einem gottesfürchtigen Herzen: Zu ſchiffen in dem wüthgen See! Das heißt Nicht Gott vertrauen, das heißt Gott verſuchen. UndGott rette ſeine Seele vor Verzweiflung! betet ſie, als ſie erfahren, daß er zum ewigen Kerker abgeführt ſei.

Die Liebe zu ihrem Gatten ferner iſt fleckenlos wahr und unbedingt ihre Un⸗ terordnung unter denſelben, doch, wie die unumwundene Aeußerung ihrer abweichenden beſſeren Ueberzeugung es erkennen ließ, ſittlich frei. Mit welch unſäglichem Schmerze wirft ſie ſich an ihres Vaters Bruſt:

O, Vater! Und auch Du haſt ihn verloren! Das Land, wir alle haben ihn verloren! u. ſ. w,

Wie tef ergreifend malt ſie die Schreckniſſe ſeines Kerkers:

*) Wenn, wie man annimmt, Gertrud an Porcia in Sbakſpeares Cäſar erinnert, dann dürfte Calpurnias Bitte, an den verhängnißvollen Idus fern zu bleiben vom Senate, mehr noch mit Hedwigs Warnung uͤbereinſtimmen.

**ν) a. a. O. V p. 172. ***) ebend. p. 204.

) So Gretchens Aeußerung:Seine(des Mepbiſtopheles) Gegenwart ſchnürt mir

das Innere zu.