Aufsatz 
Über einige weibliche Charaktere in Schillers Dramen
Entstehung
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12 merkt:Der Frau gehört das Haus, dem Manne der Staat an. Hedwig lebte nur und ganz und vollkommen ihrem Hauſe, treu ergeben dem Gatten, ſtets beſorgt für die Kinder, und beides, wie mit tiefer Ueberzeugung, ſo mit ſicherem Willen. Deshalb hören wir fruͤher nichts von ihr, als bis der Dichter uns in das Familienleben Tells blicken läßt. Außerdem tritt ſie nur noch zweimal auf, und zwar an gleich geeigneten Stellen, näm⸗ lich bei der Nachricht von dem Apfelſchuſſe, um den Knaben bei Attinghauſen in Em⸗ pfang zu nehmen, und dann noch bei Tells Rückkehr zu den Seinen.

In ihrem ganzen Weſen ſpiegelt ſich ein ernſt tiefes Gemüth, ein einfach ver⸗ ſtändiger Sinn, dem die zufriedene Häuslichkeit und ein ungefährdetes Leben über alles geht. Ein Mann alſo wie Tell, der mit beiſpielloſer Kühnheit allen Gefahren der Ge⸗ birgsjagd ſich ausſetzt, der vor der wildbrauſenden Waſſerfluth nicht zurückſchreckt, und der ſelber ſagt: 7

Dann erſt genieß ich meines Leben recht,

Wenn ich mirs jeden Tag aufs neu erbeute, mußte dieſes mit ganzer Seele an ihm hangende Weib bei jeglicher Ausflucht um ſein Leben zittern machen. Mit wenigen kräftigen Zügen malt ſie dieſe Beſorgniß:

Und an die Angſt der Hausfrau denkſt du nicht,

Die ſich indeſſen, deiner wartend, härmt u. ſ. w. Darum nennt ſie die Alpenjaad ein unglückſeliges Gewerbe; daher ihr Bedauern, daß keiner ihrer Söhne ſeine Ruhe zu Hauſe finden würde, und der Wunſch, daß dieſelben nie Schützen werden möchten. Mag der Tadel, den ſie wegen der Rettung Baumgar⸗ tens über den wild aufgeregten See, als ſelbſt der kundige Schiffer die Fahrt nicht hatte wagen wollen, ausſpricht, mit Rückſicht auf die überaus ſeltene Geſchicklichkeit und Kraft des Tell ein unverdienter ſein; allein in ſolchen Fällen, wo die augenblick⸗ lich zu findende Entſcheidung zwiſchen der möglichen Rettung fremden Lebens und der gleich möglichen nutzloſen Aufopferung des eignen ſehr leicht und durch vieles, durch Tollkühnheit eben ſo wohl, wie durch Feigheit, irregeleitet werden kann, iſt die, wenn auch übermäßige Angſt des Weibes um einen Mann, der ſich ſelbſt für einen Wage⸗ hals erklärt, ſehr wohl zu entſchuldigen. Des echten Weibes Herz liebt nicht bloß des Mannes Ruhnm, ſein Daſein ſchon iſt werth ihr wie das eigne. Wenn Tell ſich alſo mit der Sentenz entſchuldigt:

Wer gar zu viel bedenkt, wird wenig leiſten, ſo handelt ſichs eben um daszu viel; und wenn Hoffmeiſter*) ſagt, ſein Weib ver⸗

*) a. a. O. V, p. 217.