Aufsatz 
Über einige weibliche Charaktere in Schillers Dramen
Entstehung
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Seele; allein der Niedergebeugte darf darum noch nicht ſentimental genannt werden, wenn, was hier der Fall iſt, auch in Ausdruck und Sprache nur tiefe, warme Empfin⸗ dung, nicht geſchraubte Empfindelei zu erkennen iſt.

Auch Hedwig hat ſich nicht bloß das tadelnde Epitheton ſentimental, ſondern außerdem den Vorwurf eines ſchwächlichen Weibes von Hoffmeiſter*) zugezogen. Ich glaube dagegen, daß Hedwig, zwar nur mit den nothwendigſten, aber mit vollkommen ausreichenden Linien gezeichnet, einer der ſchönſten und vollendetſten weiblichen Charak⸗ tere, die je von einem Dichter entworfen ſind, ein echtes Weib in allen Beziehungen iſt und jenen Tadel in keiner Weiſe verdient. Ein anderes Weib allerdings iſt Ger⸗ trud, Staufachers Hausfrau, welcher die Befreiung des Landes von der Bosheit der Vögte, und müßte es mit Gewalt geſchehen, über den ſtillen Frieden des Hauſes gebht, und welche in dieſem Sinne auf ihren etwas bedenklichen Mann mit heldenmüthiger Redekraft einwirkt. Immerhin mag ſolcher Heroismus, wo die Natur ihn einem Weibe gegeben hat, und in ſoweit er die Grenzen der Weiblichkeit nicht überſchreitet, rühmend anerkannt werden; das bleiben jedoch Ausnahmen. Des Weibes Lebensaufgabe liegt darin nicht; ſie kann durch ſolch männliche Kraft allein oder vorzugsweiſe ihrem Be⸗ rufe nicht genügen, wohl aber ohne dieſelbe in vollkommener Weiblichkeit erſcheinen. Ja, es dürfte ein ungewöhnlicher Grad jenes Mannesmuthes eher eine Beeinträchtigung des weichen Frauengemüthes ſein; und wie wir mit Befremden zum wenigſten den Mann am Rocken ſehen, ſo das Weib mit dem Racheſchwerte in der Fauſt, wo nicht, wie bei Göthes Dorothea, die Umſtände das eine erheiſchen, ohne das andere auszu⸗ ſchließen.**) In dieſem Sinne ſagt Schiller:

Tugenden brauchet der Mann; er ſtürzt ſich wagend ins Leben, Tritt mit dem ſtärkeren Gluͤck in den bedenklichen Kampf. Eine Tugend genüget dem Weib: ſie iſt daz ſie erſcheint Lieblich im Herzen, dem Aug lieblich erſcheine ſie ſtets. Und in gleichem Sinne nach des Perikles Ausſpruch: Woran erkenn ich den beſten Staat? woran du die beſte Frau kennſt; daran mein Freund, daß man von beiden nicht ſpricht. Oder, wie Hoffmeiſter***) zu der betreffenden Stelle in der Glocke ganz richtig be⸗

*) a. a. O. V, p. 172. **) Und doch iſt auch über dieſen Zug mehrfach geſtritten worden. Wilhelm v. Hum⸗ boldt wagt es nicht, ihn zu vertheidigen. Roſenkranz a. a. O. p. 329. ***) a. a. O. IV, p. 109. 7 2*X