Aufsatz 
Über einige weibliche Charaktere in Schillers Dramen
Entstehung
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Ein in der tiefſten Verborgenheit aufgewachſenes Mädchen, ohne Verſuchung und des⸗ balb ohne Sünde, giebt ſie ſich, entknospend, dem ihr damals gerade entgegentretenden und darum ſchon als Ideal erſcheinenden Manne mit ungetheilter Liebe hin. In ihm geht ihr ganzes Weſen auf; ihr gilt außer jenem Gedanken und Streben kein anderes Denken und Wollen. Daher kommt ſie beim Zuſammentreffen mit dem Schreckbilde Don Cäſar zu keinem Worte, geſchweige denn zum Handeln; daher ihr unbegründetes, Unheil ſtiftendes Schweigen; daher bei der Entdeckung, daß der Gefürchtete ihr eigner und ihres Geliebten Bruder ſei, nichts anderes als lyriſche Klagetöne. Nur bei dem Entſchluſſe Cäſars, ſich als Sühnopfer für den ermordeten Bruder zu weihen, wird ſie mittheilend und will, als wäre ſie vom Schickſal dazu auserſehen, und um den Bru⸗ der Cäſar der Mutter zu erhalten, ſich ſelber zum Opfer bringen.

Bertha im Tell fordert ruhig ſtreng und feſt entſchloſſen den Rudenz auf, von den Unterdrückern ſeines Vaterlandes zu laſſen und treu zu halten an dem eignen Volke; nur unter dieſer Bedingung ſei, wie ihm ihre Liebe, ſo ihr ſelbſt das eigne Glück geſichert. Hierin wohl mag Hoffmeiſter den Uebergang zum Heroismus gefunden haben; und ein ſolcher Anklang iſt es immer. Allein was liegt in dem Wenigen, das

ſie weiter thut und redet, von Sentimentalität, wie man das Wort auch deuten möge?

Beim Apfelſchuſſe ſpricht ſie einfach wahre, beſchwichtigende Worte zu Geßler und drückt dann kurz ihre Freude aus über das glücklich getroffene Ziel. Auch das am Schluſſe des Stückes Geſprochene:Landleute, Eidgenoſſen! Nehmt mich auf in euern Bund u. ſ. w. enthält nichts von Ueberſpannung und falſchem Enthuſiasmus.

Die Gräfin Wallenſtein will mit den Worten:Ihr Wille, wiſſen Sie, war ſtets der meine ihr Verhältniß zu ihrem Gatten bezeichnen, daß ſie nämlich in all ſeinem außerhäuslichen Handeln und Treiben nicht mitzureden habe und ſtill gehorche. Von edler, reiner Geſinnung, war ſie keineswegs ohne Gefuühl für höhere weltliche Stellung, wenn dieſelbe auf rechtlichem Wege zu erwerben ſtand, aber eben deshalb den ehrgeizigen, ungeſetzlichen Plänen, dem verwegenen Spiele Wallenſteins ganz ab⸗ hold; und da ihre Bitten um Nachgiebigkeit an ſeinem felſenharten, hochmüthigen Sinne ſcheiterten, was konnte ſie als edles, aber ſchwaches Weib andres thun als ſeine Un⸗ gebührlichkeiten nach Kräften entſchuldigen, die Beleidigten beruhigen und ſelbſt dul⸗ den? Ganz richtig ſagt die Schweſter Terzky:Ihr ſebts mit Euren Augen; allein dieſe Augen ſahen das Wahre. Den Sturz ihres glanz⸗ und ruhmvollen Hauſes vor⸗ ahnend, verſinkt ſie in Kummer und Betrübniß und wird in Folge deſſen ängſtlich und muthlos; bei der Gewißheit von Wallenſteins Empörung bricht ſie gänzlich zuſammen; und in der letzten Kataſtrophe unterliegt das unglückliche, durch langdauernde Aufregung nervös geſchwächte Weib. Das ſind gewiß nichts weniger als Zeichen einer ſtarken